Das Bild der Frau im Parzival (Wolfram von Eschenbach, Parzival): Unterschied zwischen den Versionen

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Literaturangabe
==Literaturangabe==
 
↑ Alle Zitate folgen der Ausgabe: Wolfram von Eschenbach: Parzival. Nach der Ausgabe Karl Lachmanns revidiert und kommentiert von Eberhard Nellmann, übers. von Dieter Kühn, 2 Bde., Frankfurt a.M. 2006.
↑ Alle Zitate folgen der Ausgabe: Wolfram von Eschenbach: Parzival. Nach der Ausgabe Karl Lachmanns revidiert und kommentiert von Eberhard Nellmann, übers. von Dieter Kühn, 2 Bde., Frankfurt a.M. 2006.
Buhmke, Joachim: Wolfram von Eschenbach, in: Sammlung Metzler. Realien zur Literatur, 6 Bde., J. B. Metzlersche Verlagsbuchhandlung und Carl Ernst Poeschel Verlag GmbH, Stuttgart 1991.
Buhmke, Joachim: Wolfram von Eschenbach, in: Sammlung Metzler. Realien zur Literatur, 6 Bde., J. B. Metzlersche Verlagsbuchhandlung und Carl Ernst Poeschel Verlag GmbH, Stuttgart 1991.

Version vom 26. Mai 2012, 19:50 Uhr

Die Schilderung ehelicher Liebe spielt im Parzival eine große Rolle. Die „richtige Liebe“ beschreibt der Erzähler dabei wie folgt:

swem herzenlichiu triwe ist bi, Wer ware Treue im Herzen hat,
der wirt nimmer minne fri, der wird von der Liebe nie mehr frei,
mit freude, etswenn mit riuwe. im Glück und auch wenn einmal leiden kommt.
reht minne ist wariu triuwe. Rechte Liebe ist wahre Treue.
Cupido, din strale Cupido, dein Pfeil
min misset zallem male: hat mich noch jedes mal verfehlt
als tuot des hern Amores ger. und ebenso der Wurfspieß von Herrn Amor.
sit ir zwene ob minnen her, Von der Liebe, die ihr zwei
unt Venus mit ir vackeln heiz, und dazu Venus mit der heißen Fackel zu vergeben hat,
umb solhen kumber ich niht weis. und von ihren Leiden habe ich nie etwas erfahren.
sol ich der waren minne jehn, Die Liebe, die ich die wahre nenne,
diu muoz durch triwe mir geschehn. die muss mir von der Treue kommen.

532, 1 – 532, 532, 19


Das Frauenbild, das dabei geschildert wird, ist oft durch Treue, aufopfernde Hingabe und große Gefühlsstärke ausgezeichnet, angefangen mit der erschütternden Trauer, die Parzivals Mutter Herzeloyde (Wolfram von Eschenbach, Parzival) bei dessen Aufbruch in die Höfische Gesellschaft in den Tod treibt.

des morgens, do der tag erschein, Am Morgen, als der Tag aufging,
der knappe balde wart enein, war der Knabe kühn netschlossen,
im was gein Artuse gach. es trieb ihn mit Gewalt zu Artus hin.
Herzeloyde im kuste und lief im Die edle Herzeloyde küsste ihn und lief ihm
nach. nach.
der werlde riwe alda geschah. Da geschah, was allen Menschen weh tun muss:
do si ir sun niht langer sach Als sie ihren Sohn nicht mehr sah,
(do reit enwec: wemst deste baz?), der ritt davon - es wird ihm doch keiner je weiter, je besser nachrufen?-
do viel diu frouwe valsches laz da also fiel die Dame, die sich niemals hergab zu untreuen Dingen,
uf die erde, alda si jamer sneit zur Erde nieder. und es ging der Schmerz mit Messern über die hin:
so daz si ein sterben niht vermeit. So konnte sie dem Sterben nicht entkommen.
ir viel getriulicher tot Ihr Tod in treuer Liebe
der frouwen wert die hellenot. schützt die Dame vor dem Höllenfeuer.

128, 13 – 128, 24


Nach dem tragischen Tod ihres Geliebten Schîânatulanders hat sich, wie bereits Herzeloyde, Sîgune (Wolfram von Eschenbach, Parzival) in den Wald zurückgezogen, um ein Dasein in Klage um den Verstorbenen zu fristen.

wibes stimme er horte Die Stimme einer Frau hörte er,
vor eines felses orte. er wollte gerade um die Spitze eines Feldes biegen.
ein frouwe aus rechtem jamer schrei: Eine Dame schrie aus rechtem Jammer,
ir was diu ware freude enzwei. wahrhaftig, ihr Glück war zerbrochen.
der knappe reit ir balde zuo. Der Knabe ritt kühn zu ihr hin.
nu höret was diu frouwe tuo. Hört nun, was die Dame tat.
da brach froh Sigune Da riss die edle Sigune
ir langen zöpfe brune ihre langen Zöpfe, die braunen,
vor jamer uzer swarten. vor Jammer aus der Kopfhaut.
der knappe begunde warten: Der Knabe sah jetzt hin:
Schianatulander Schianatulander,
den fürsten tot da vander den Fürsten, erblickte er da tot,
der juncfrouwen in ir schoz. im Schoße der Jungfrau.
aller schimpfe si verdroz. Die Heiterkeit der Welt war ihr ein Ekel.

138, 13 – 138, 14

Doch hinter dem strahlenden Bild der höfischen Dame ist auch eine andere Vorstellung greifbar, die der Minderwertigkeit der Frauen und ihrer untergeordneten Rolle in der Gesellschaft. Schon in den ersten beiden Büchern wird an der Liebesgeschichte zwischen Belacane (Wolfram von Eschenbach, Parzival) und Gahmuretdeutlich; wo die Frau als selbstständige Herrscherin auftritt, erweist sie sich meist als unfähig, die Herrschaft so auszuüben, dass ihr Land in Frieden und Ansehen steht. Belacane kann sich gegen militärische Bedrohung nicht verteidigen und wäre verloren, wenn nicht der Held Gahmuret Gahmuret als Ritter (Wolfram von Eschenbach, Parzival) käme, der sie rettet und in den sie sich auch gleich verliebt und heiratet. Ähnlich ist es mit Condwiramurs im vierten Buch. Sobald die Hochzeit gefeiert ist, übernehmen die Männer die Herrschaft über das Land ihrer Frauen, für die Frauen bleibt lediglich die Rolle der demütigen und liebenden Ehefrau ohne eigene Interessen (vgl.: Um ihren geliebten Gahmuret in ihrem Reich zu halten, zögert Belacane nicht einen Moment dessen Religion anzunehmen und sich taufen zu lassen.) Was diese Frauen für die Männer attraktiv macht ist vor allem ihr Besitz. Und weder der Erzähler, noch die handelnden Personen und vermutlich auch nicht die Zuhörer der Geschichte fanden solche Frauendarstellungen, den damaligen Gesellschaftsverhältnissen entsprechend, verwunderlich: „wip sint et immer wip.“ (450, 5)


Literaturangabe

↑ Alle Zitate folgen der Ausgabe: Wolfram von Eschenbach: Parzival. Nach der Ausgabe Karl Lachmanns revidiert und kommentiert von Eberhard Nellmann, übers. von Dieter Kühn, 2 Bde., Frankfurt a.M. 2006. Buhmke, Joachim: Wolfram von Eschenbach, in: Sammlung Metzler. Realien zur Literatur, 6 Bde., J. B. Metzlersche Verlagsbuchhandlung und Carl Ernst Poeschel Verlag GmbH, Stuttgart 1991.