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{{Kapitel LAT-DE TAB-5|Daniel G. König|''Praeceptum pro Hispanis'' (2. April 812), ed. Alfred Boretius (MGH Leges, Capitularia regum Francorum 1), Hannover: Hahn, 1883, n. 76, S. 169, übers. Daniel G. König.|5=== Autor/in & Werk  ==
 
{{Kapitel LAT-DE TAB-5|Daniel G. König|''Praeceptum pro Hispanis'' (2. April 812), ed. Alfred Boretius (MGH Leges, Capitularia regum Francorum 1), Hannover: Hahn, 1883, n. 76, S. 169, übers. Daniel G. König.|5=== Autor/in & Werk  ==
Beim zitierten Dokument handelt es sich um einen am 2. April 812 ausgestellten Erlass (''praeceptum'')<ref name="ftn3">Zur Form des Dokuments, vgl. Depreux, Préceptes, S. 21-22.</ref> Karls des Großen – seit 769 König und seit 771 alleiniger König der Franken (''rex Francorum''), seit 774 König der Langobarden (''rex Langobardorum'') und seit 800 Kaiser der Römer (''imperator Romanorum''). Die Anweisung richtet sich an eine Gruppe von Grafen (''comites'') im Südwesten des Frankenreiches. Zwar definiert das ''Praeceptum'' nicht genau, in welchen Regionen diese Grafen Herrschaft ausübten. Prosopographische Studien von Philippe Depreux erlauben es uns aber, sie grob in das Umfeld der Städte Barcelona, Girona, Ampurias, Carcassonne, Narbonne und Arles einzuordnen, also in Regionen, die auch als „spanische Mark“, Septimanien und Provence bekannt sind.<ref name="ftn4">Depreux, ''Prosopographie'', § 17, S. 87-88 (Ademarus), § 44, S. 129-130 (Beranus), § 89, S. 188 (Ermengarius), § 119, S. 216-217 (Gisclafredus), § 187, S. 292 (Laibolfus), § 207, S. 338 (Odilo). Zu Gauseclinus und Erlinus finden sich keine Angaben. Beranus allerdings war zunächst ''comes ''eines unbekannten Ortes und nahm ab 804 an mehreren Expeditionen gegen Tortosa teil. Er wurde noch von Karl dem Großen zu einem unbekannten Zeitpunkt zum ''comes ''von Barcelona ernannt, wo er auch um 820 nachweisbar ist. Eine Lokalisierung des Gisclafredus um Carcassonne bleibt unsicher. Odilo hat man eher spekulativ als Grafen von Girona identifiziert. Ermengarius lässt sich sicher als ''comes'' von Ampurias identifizieren. Obwohl im Rahmen seiner Teilnahme an den Kampagnen gegen Tortosa gut dokumentiert, lässt sich Ademarus nur spekulativ der Stadt Narbonne zuordnen. Laibolfus lässt sich zwar im Rahmen des Kampfes um Barcelona und später auch um Arles nachweisen, aber keiner konkreten Grafschaft zuordnen.</ref> Deutlich wird in jedem Falle, dass diese ''comites ''den Ärger des Königs erregt haben.
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[§1] Beim zitierten Dokument handelt es sich um einen am 2. April 812 ausgestellten Erlass (''praeceptum'')<ref name="ftn3">Zur Form des Dokuments, vgl. Depreux, Préceptes, S. 21-22.</ref> Karls des Großen – seit 769 König und seit 771 alleiniger König der Franken (''rex Francorum''), seit 774 König der Langobarden (''rex Langobardorum'') und seit 800 Kaiser der Römer (''imperator Romanorum''). Die Anweisung richtet sich an eine Gruppe von Grafen (''comites'') im Südwesten des Frankenreiches. Zwar definiert das ''Praeceptum'' nicht genau, in welchen Regionen diese Grafen Herrschaft ausübten. Prosopographische Studien von Philippe Depreux erlauben es uns aber, sie grob in das Umfeld der Städte Barcelona, Girona, Ampurias, Carcassonne, Narbonne und Arles einzuordnen, also in Regionen, die auch als „spanische Mark“, Septimanien und Provence bekannt sind.<ref name="ftn4">Depreux, ''Prosopographie'', § 17, S. 87-88 (Ademarus), § 44, S. 129-130 (Beranus), § 89, S. 188 (Ermengarius), § 119, S. 216-217 (Gisclafredus), § 187, S. 292 (Laibolfus), § 207, S. 338 (Odilo). Zu Gauseclinus und Erlinus finden sich keine Angaben. Beranus allerdings war zunächst ''comes ''eines unbekannten Ortes und nahm ab 804 an mehreren Expeditionen gegen Tortosa teil. Er wurde noch von Karl dem Großen zu einem unbekannten Zeitpunkt zum ''comes ''von Barcelona ernannt, wo er auch um 820 nachweisbar ist. Eine Lokalisierung des Gisclafredus um Carcassonne bleibt unsicher. Odilo hat man eher spekulativ als Grafen von Girona identifiziert. Ermengarius lässt sich sicher als ''comes'' von Ampurias identifizieren. Obwohl im Rahmen seiner Teilnahme an den Kampagnen gegen Tortosa gut dokumentiert, lässt sich Ademarus nur spekulativ der Stadt Narbonne zuordnen. Laibolfus lässt sich zwar im Rahmen des Kampfes um Barcelona und später auch um Arles nachweisen, aber keiner konkreten Grafschaft zuordnen.</ref> Deutlich wird in jedem Falle, dass diese ''comites ''den Ärger des Königs erregt haben.
    
== Inhalt & Quellenkontext  ==
 
== Inhalt & Quellenkontext  ==
Anlass der Ausstellung des Dokumentes war die Beschwerde einer Gruppe von 42 ''Hispani'', die sich aufgrund ungerechter Behandlung durch die genannten Grafen (''comites''), ihre Untergebenen (''iuniores'') und lokale Dorfbewohner (''pagenses'') an den Kaiser gewandt hatten. Aus dem ''Praeceptum ''geht hervor, dass diese ''Hispani ''vor etwa dreißig Jahren, d. h. also Anfang der 780er, den iberischen Raum verlassen und sich im fränkischen Herrschaftsgebiet niedergelassen hatten. Xavier Gillard und Philippe Sénac gehen dabei von einer Migrationsgruppe aus, die neben den 42 Petenten auch deren Familien und Untergebene, im Ganzen also um die ein- oder zweihundert Personen umfasste.<ref name="ftn5">Gillard und Sénac, Hispani, S. 167.</ref> Ihre konkreten Herkunftsgebiete sind unklar. Genausowenig ist bekannt, wo sie sich im fränkischen Herrschaftsgebiet niedergelassen haben. Da Karl der Große 795 einem gewissen Johannes aus dem ''pagus ''des damals noch unter muslimischer Kontrolle stehenden Barcelona Besitztümer in Narbonne als Dank für seinen Kampf gegen „die häretischen oder ungläubigen Sarazenen“ (''ereticos sive Saracenos infideles'') zugewiesen hatte, scheint es möglich, dass eine Ansiedlung sowohl in den fränkischen Eroberungsgebieten auf der Iberischen Halbinsel als auch in Septimanien und dem Westen der Provence stattfand.<ref name="ftn6">''Diploma 179'', ed. Engelbert Mühlbacher (MGH DD, Diplomata Karolinorum 1), Hannover: Hahn, 1906, S. 241-242. Vgl. Gillard und Sénac, Hispani, S. 165-166, 167. Lewis, ''Development, ''S. 70, geht von einer graduellen, mit dem karolingischen Herrschaftsausbau korrelierenden geographischen Verschiebung der Landzuweisungen durch ''aprisiones'' vom fränkischen Septimanien ins fränkische Katalonien aus.</ref>
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[§2] Anlass der Ausstellung des Dokumentes war die Beschwerde einer Gruppe von 42 ''Hispani'', die sich aufgrund ungerechter Behandlung durch die genannten Grafen (''comites''), ihre Untergebenen (''iuniores'') und lokale Dorfbewohner (''pagenses'') an den Kaiser gewandt hatten. Aus dem ''Praeceptum ''geht hervor, dass diese ''Hispani ''vor etwa dreißig Jahren, d. h. also Anfang der 780er, den iberischen Raum verlassen und sich im fränkischen Herrschaftsgebiet niedergelassen hatten. Xavier Gillard und Philippe Sénac gehen dabei von einer Migrationsgruppe aus, die neben den 42 Petenten auch deren Familien und Untergebene, im Ganzen also um die ein- oder zweihundert Personen umfasste.<ref name="ftn5">Gillard und Sénac, Hispani, S. 167.</ref> Ihre konkreten Herkunftsgebiete sind unklar. Genausowenig ist bekannt, wo sie sich im fränkischen Herrschaftsgebiet niedergelassen haben. Da Karl der Große 795 einem gewissen Johannes aus dem ''pagus ''des damals noch unter muslimischer Kontrolle stehenden Barcelona Besitztümer in Narbonne als Dank für seinen Kampf gegen „die häretischen oder ungläubigen Sarazenen“ (''ereticos sive Saracenos infideles'') zugewiesen hatte, scheint es möglich, dass eine Ansiedlung sowohl in den fränkischen Eroberungsgebieten auf der Iberischen Halbinsel als auch in Septimanien und dem Westen der Provence stattfand.<ref name="ftn6">''Diploma 179'', ed. Engelbert Mühlbacher (MGH DD, Diplomata Karolinorum 1), Hannover: Hahn, 1906, S. 241-242. Vgl. Gillard und Sénac, Hispani, S. 165-166, 167. Lewis, ''Development, ''S. 70, geht von einer graduellen, mit dem karolingischen Herrschaftsausbau korrelierenden geographischen Verschiebung der Landzuweisungen durch ''aprisiones'' vom fränkischen Septimanien ins fränkische Katalonien aus.</ref>
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In den 780ern war den ''Hispani'' von Karl dem Großen gestattet worden, sich auf unbebautem Brachland im Südwesten des Frankenreiches anzusiedeln und dieses durch Kultivierung im Laufe von dreißig Jahren in ihren erblichen Besitz zu überführen. Dieser Prozess der gestaltenden Landnahme wird im ''Praeceptum ''als ''aprisio'' bezeichnet.<ref name="ftn7">Zu diesem Begriff bzw. dieser Form der Landnahme, siehe Jarrett, Settling the King’s Lands, S. 320-342; Lewis, ''Development, ''S. 70-72. Zu seiner Einordnung in die Diskussion um Feudalismus und Lehenswesen siehe Reynolds, ''Fiefs and Vassals'', S. 109-111. Lewis, ''Development'', S. 17-19, argumentiert, dass es sich nicht um kriegsverwüstetes Land handelt, da kriegerische Handlungen in dieser Region immer nur kurzfristig und jeweils nur auf einen Teil des Südwestens beschränkt waren. Somit hätten sie keine großflächigen Verwüstungen anrichten können. Das Vorhandensein von Brachland erklärt er somit aus einer wenig intensiven Landnutzung. Auf der Basis der Untersuchungen von Higounet, L’Occupation, S. 301-330, zur Nutzung von Agrarflächen durch das Kloster Moissac behauptet er, dass im Rahmen der ''aprisio'' im Südwesten des Frankenreiches immer nur bereits urbar gemachte aber wieder verlassene Agrarflächen kultiviert worden seien.</ref> Es wird deutlich, dass sich die Immigranten aus der Perspektive Karls in den letzten dreißig Jahren als ruhige und loyale Untertanen erwiesen hatten, vor nicht allzulanger Zeit aber von Seiten der Grafen, ihrer ''iuniores'' und auch der ruralen Bevölkerung (''pagenses'') unter Druck geraten waren. Das ''Praeceptum'' ermahnt die Grafen (''comites'') nicht nur, den Landbesitz der hispanischen Immigranten unversehrt zu erhalten und keine eigenen Steuern auf ihn zu erheben. Es fordert sie auch auf, schon durchgeführte Besitzentwendungen oder gar Vertreibungen wieder rückgängig zu machen.
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[§3] In den 780ern war den ''Hispani'' von Karl dem Großen gestattet worden, sich auf unbebautem Brachland im Südwesten des Frankenreiches anzusiedeln und dieses durch Kultivierung im Laufe von dreißig Jahren in ihren erblichen Besitz zu überführen. Dieser Prozess der gestaltenden Landnahme wird im ''Praeceptum ''als ''aprisio'' bezeichnet.<ref name="ftn7">Zu diesem Begriff bzw. dieser Form der Landnahme, siehe Jarrett, Settling the King’s Lands, S. 320-342; Lewis, ''Development, ''S. 70-72. Zu seiner Einordnung in die Diskussion um Feudalismus und Lehenswesen siehe Reynolds, ''Fiefs and Vassals'', S. 109-111. Lewis, ''Development'', S. 17-19, argumentiert, dass es sich nicht um kriegsverwüstetes Land handelt, da kriegerische Handlungen in dieser Region immer nur kurzfristig und jeweils nur auf einen Teil des Südwestens beschränkt waren. Somit hätten sie keine großflächigen Verwüstungen anrichten können. Das Vorhandensein von Brachland erklärt er somit aus einer wenig intensiven Landnutzung. Auf der Basis der Untersuchungen von Higounet, L’Occupation, S. 301-330, zur Nutzung von Agrarflächen durch das Kloster Moissac behauptet er, dass im Rahmen der ''aprisio'' im Südwesten des Frankenreiches immer nur bereits urbar gemachte aber wieder verlassene Agrarflächen kultiviert worden seien.</ref> Es wird deutlich, dass sich die Immigranten aus der Perspektive Karls in den letzten dreißig Jahren als ruhige und loyale Untertanen erwiesen hatten, vor nicht allzulanger Zeit aber von Seiten der Grafen, ihrer ''iuniores'' und auch der ruralen Bevölkerung (''pagenses'') unter Druck geraten waren. Das ''Praeceptum'' ermahnt die Grafen (''comites'') nicht nur, den Landbesitz der hispanischen Immigranten unversehrt zu erhalten und keine eigenen Steuern auf ihn zu erheben. Es fordert sie auch auf, schon durchgeführte Besitzentwendungen oder gar Vertreibungen wieder rückgängig zu machen.
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Ihre gute Beziehung zum Herrscher mag es den ''Hispani'' erleichtert haben, den König aufgrund des erlittenenen Unrechtes direkt anzusprechen. Der Ausstellungsort des ''Praeceptum'' in Aachen und die Formulierung ''ad nos venientes ''implizieren nicht automatisch, dass eine Begegnung der 42 namentlich genannten ''Hispani'' mit dem Kaiser in Aachen stattfand.<ref name="ftn8">Depreux, ''Prosopographie'', geht im Zusammenhang mit den Einträgen zu den oben genannten ''comites'' allerdings davon aus. </ref> Man könnte sich vorstellen, dass der Erlass erst nach einer außerhalb Aachens stattgefundenen Begegnung mit dem Kaiser ausgestellt wurde. Da Karl der Große aber zwei Jahre vor seinem Tod (814) nicht mehr so viel herumreiste wie noch in früheren Jahren, erscheint es allerdings vorstellbar, dass die Gruppe der Petenten direkt in Aachen aufschlug und dort das ''Praeceptum'' ausgestellt bekam.<ref name="ftn9">Vgl. Gauert, Itinerar, S. 17: „Nach 806 hat er es [Aachen] nur noch aus aktuellem Anlaß und zur gewohnten Jagd in den Ardennen verlassen.“</ref> Zu überlegen wäre ferner, ob die Formulierung ''ad nos venientes ''lediglich dahingehend zu verstehen ist, dass der Kaiser durch einen Repräsentanten der Petentengruppe oder sogar schriftlich adressiert wurde. Die Umsetzung der kaiserlichen Bestimmungen wiederum sollte zunächst durch die Entsendung eines Königsboten (''missus''), des Erzbischofs Johannes von Arles, dann durch die Intervention von Karls Sohn Ludwig, zu dieser Zeit noch Unterkönig von Aquitanien, garantiert werden.
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[§4] Ihre gute Beziehung zum Herrscher mag es den ''Hispani'' erleichtert haben, den König aufgrund des erlittenenen Unrechtes direkt anzusprechen. Der Ausstellungsort des ''Praeceptum'' in Aachen und die Formulierung ''ad nos venientes ''implizieren nicht automatisch, dass eine Begegnung der 42 namentlich genannten ''Hispani'' mit dem Kaiser in Aachen stattfand.<ref name="ftn8">Depreux, ''Prosopographie'', geht im Zusammenhang mit den Einträgen zu den oben genannten ''comites'' allerdings davon aus. </ref> Man könnte sich vorstellen, dass der Erlass erst nach einer außerhalb Aachens stattgefundenen Begegnung mit dem Kaiser ausgestellt wurde. Da Karl der Große aber zwei Jahre vor seinem Tod (814) nicht mehr so viel herumreiste wie noch in früheren Jahren, erscheint es allerdings vorstellbar, dass die Gruppe der Petenten direkt in Aachen aufschlug und dort das ''Praeceptum'' ausgestellt bekam.<ref name="ftn9">Vgl. Gauert, Itinerar, S. 17: „Nach 806 hat er es [Aachen] nur noch aus aktuellem Anlaß und zur gewohnten Jagd in den Ardennen verlassen.“</ref> Zu überlegen wäre ferner, ob die Formulierung ''ad nos venientes ''lediglich dahingehend zu verstehen ist, dass der Kaiser durch einen Repräsentanten der Petentengruppe oder sogar schriftlich adressiert wurde. Die Umsetzung der kaiserlichen Bestimmungen wiederum sollte zunächst durch die Entsendung eines Königsboten (''missus''), des Erzbischofs Johannes von Arles, dann durch die Intervention von Karls Sohn Ludwig, zu dieser Zeit noch Unterkönig von Aquitanien, garantiert werden.
    
== Kontextualisierung, Analyse, Interpretation  ==
 
== Kontextualisierung, Analyse, Interpretation  ==
Das ''Praeceptum'' vom 2. April 812 ist nur vor dem Hintergrund verschiedener Ereignisse in und um die fränkisch-umayyadische Grenzzone der vorangegangenen einhundert Jahre zu verstehen. Am Anfang standen muslimische Razzien ins fränkische Gebiet, die nicht nur in der bekannten Schlacht von Tours und Poitiers gipfelten, sondern auch zu etwa vier Jahrzehnten muslimischer Herrschaft in Narbonne führten (ca. 719-759), die erst Karls Vater Pippin (regn. 751/752-768) im Jahre 759 beendete.<ref name="ftn10">Vgl. [[719-759: Das Chronicon Anianense zu Beginn und Ende muslimischer Herrschaft über Septimanien]].</ref> Schon unter Pippin hatte sich ein karolingisches Ausgreifen auf die Iberische Halbinsel angedeutet, als ihm nach Aussage fränkischer Quellen der muslimische Gouverneur von Barcelona und Girona 752 beide Städte zur Herrschaft anbot.<ref name="ftn11">''Annales Mettenses priores'', ed. Bernhard von Simson (MGH SS rer. Germ. 10), Hannover: Hahn, 1905, a. 752, S. 43.</ref> Mit Karls Eingreifen auf der Iberischen Halbinsel im Jahre 778 wendete sich das Blatt dahingehend, dass nun tatsächlich karolingische Kräfte Gebiete im Nordosten der Iberischen Halbinsel in Beschlag nahmen und damit eine karolingisch beherrschte Pufferzone um die 801 eroberte Stadt Barcelona ins Leben riefen, die den Grundstein für das spätere Katalonien legte.<ref name="ftn12">Zu diesem ganzen Themenkomplex siehe Sénac, ''Carolingiens et al-Andalus'', S. 13-85, mit einer chronologischen Tafel S. 145-146. Zur Loslösung Kataloniens aus dem karolingischen Orbit dann Zimmermann, Datation, S. 345-375<nowiki>; Zimmermann, Origine</nowiki>, S. 237-255. </ref>
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[§5] Das ''Praeceptum'' vom 2. April 812 ist nur vor dem Hintergrund verschiedener Ereignisse in und um die fränkisch-umayyadische Grenzzone der vorangegangenen einhundert Jahre zu verstehen. Am Anfang standen muslimische Razzien ins fränkische Gebiet, die nicht nur in der bekannten Schlacht von Tours und Poitiers gipfelten, sondern auch zu etwa vier Jahrzehnten muslimischer Herrschaft in Narbonne führten (ca. 719-759), die erst Karls Vater Pippin (regn. 751/752-768) im Jahre 759 beendete.<ref name="ftn10">Vgl. [[719-759: Das Chronicon Anianense zu Beginn und Ende muslimischer Herrschaft über Septimanien]].</ref> Schon unter Pippin hatte sich ein karolingisches Ausgreifen auf die Iberische Halbinsel angedeutet, als ihm nach Aussage fränkischer Quellen der muslimische Gouverneur von Barcelona und Girona 752 beide Städte zur Herrschaft anbot.<ref name="ftn11">''Annales Mettenses priores'', ed. Bernhard von Simson (MGH SS rer. Germ. 10), Hannover: Hahn, 1905, a. 752, S. 43.</ref> Mit Karls Eingreifen auf der Iberischen Halbinsel im Jahre 778 wendete sich das Blatt dahingehend, dass nun tatsächlich karolingische Kräfte Gebiete im Nordosten der Iberischen Halbinsel in Beschlag nahmen und damit eine karolingisch beherrschte Pufferzone um die 801 eroberte Stadt Barcelona ins Leben riefen, die den Grundstein für das spätere Katalonien legte.<ref name="ftn12">Zu diesem ganzen Themenkomplex siehe Sénac, ''Carolingiens et al-Andalus'', S. 13-85, mit einer chronologischen Tafel S. 145-146. Zur Loslösung Kataloniens aus dem karolingischen Orbit dann Zimmermann, Datation, S. 345-375<nowiki>; Zimmermann, Origine</nowiki>, S. 237-255. </ref>
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Karl der Große war im Jahre 777 von zwei muslimischen Dissidenten – Ibn al-Aʿrābī und Ibn Yūsuf – in Paderborn aufgesucht worden. Fränkischen und arabischen Quellen zufolge sollen diese ihn animiert haben, in das Gebiet jenseits der Pyrenäen einzugreifen.<ref name="ftn13">''Annales Regni Francorum / Annales qui dicuntur Einhardi'', ed. Georg Heinrich Pertz und Friedrich Kurze (MGH SS rer. Germ. in us. schol. 6), Hannover: Hahn, 1895, a. 777-778, S. 48-51; ''Aḫbār maǧmūʿa'', ed./transl. Don Emilio Lafuente y Alcántara, Madrid: Rivadeneyra, 1867, S. 112–13 (AR), S. 103 (ES).</ref> Die dortigen instabilen Verhältnisse waren u. a. auch Folge einer Schwächung der Zentralgewalt in Córdoba beim Herrschaftsantritt Hišāms I. (regn. 172-180/788-796), der sich gegen seine Brüder Sulaymān und ʿAbd Allāh durchsetzen musste.<ref name="ftn14">Dunlop, Hi<u>sh</u>ām I.</ref> Als Karl mit Truppen aus verschiedenen Reichsteilen 778 über die Pyrenäen setzte, erhielt er von der muslimischen Führung Zaragozas einige Geiseln gestellt, geriet dann aber in Kämpfe mit den nichtmuslimischen Basken und Navarrern, die in Karls Zerstörung Pamplonas resultierten. Bei seiner Rückkehr wurde sein Heer von baskischen Gruppen aufgerieben.<ref name="ftn15">Zu den Ereignissen 777-778 vgl. ''Annales Regni Francorum / Annales qui dicuntur Einhardi'', ed. Pertz und Kurze (MGH SS rer. Germ. in us. schol. 6), S. 48-51; ''Annales Mettenses priores'', ed. von Simson (MGH SS rer. Germ. 10), ad 778, S. 66-67. Einblicke in die arabisch-islamische Quellenperspektive bei König, ''Arabic-Islamic Views'', S. 192-194; Schilling, Karl der Große, S. 201-221. Zu den Ereignissen, vgl. Sénac, ''Carolingiens et al-Andalus'', S. 51-70; Collins, ''Arab Conquest,'' S. 210-217.'' ''Zu Pamplona, vgl. Leroy, Pamplona, Sp. 1649; Lévi-Provençal und Huici Miranda, Banbalūna, S. 1011-1012. Die Stadt wurde 121/739 unter dem Gouverneur ʿUqba b. al-Ḥaǧǧādī kurzfristig unter muslimische Kontrolle gebracht, die allerdings vor der fränkischen Zerstörung durch eine baskische Rebellion vertrieben wurde.</ref>
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[§6] Karl der Große war im Jahre 777 von zwei muslimischen Dissidenten – Ibn al-Aʿrābī und Ibn Yūsuf – in Paderborn aufgesucht worden. Fränkischen und arabischen Quellen zufolge sollen diese ihn animiert haben, in das Gebiet jenseits der Pyrenäen einzugreifen.<ref name="ftn13">''Annales Regni Francorum / Annales qui dicuntur Einhardi'', ed. Georg Heinrich Pertz und Friedrich Kurze (MGH SS rer. Germ. in us. schol. 6), Hannover: Hahn, 1895, a. 777-778, S. 48-51; ''Aḫbār maǧmūʿa'', ed./transl. Don Emilio Lafuente y Alcántara, Madrid: Rivadeneyra, 1867, S. 112–13 (AR), S. 103 (ES).</ref> Die dortigen instabilen Verhältnisse waren u. a. auch Folge einer Schwächung der Zentralgewalt in Córdoba beim Herrschaftsantritt Hišāms I. (regn. 172-180/788-796), der sich gegen seine Brüder Sulaymān und ʿAbd Allāh durchsetzen musste.<ref name="ftn14">Dunlop, Hi<u>sh</u>ām I.</ref> Als Karl mit Truppen aus verschiedenen Reichsteilen 778 über die Pyrenäen setzte, erhielt er von der muslimischen Führung Zaragozas einige Geiseln gestellt, geriet dann aber in Kämpfe mit den nichtmuslimischen Basken und Navarrern, die in Karls Zerstörung Pamplonas resultierten. Bei seiner Rückkehr wurde sein Heer von baskischen Gruppen aufgerieben.<ref name="ftn15">Zu den Ereignissen 777-778 vgl. ''Annales Regni Francorum / Annales qui dicuntur Einhardi'', ed. Pertz und Kurze (MGH SS rer. Germ. in us. schol. 6), S. 48-51; ''Annales Mettenses priores'', ed. von Simson (MGH SS rer. Germ. 10), ad 778, S. 66-67. Einblicke in die arabisch-islamische Quellenperspektive bei König, ''Arabic-Islamic Views'', S. 192-194; Schilling, Karl der Große, S. 201-221. Zu den Ereignissen, vgl. Sénac, ''Carolingiens et al-Andalus'', S. 51-70; Collins, ''Arab Conquest,'' S. 210-217.'' ''Zu Pamplona, vgl. Leroy, Pamplona, Sp. 1649; Lévi-Provençal und Huici Miranda, Banbalūna, S. 1011-1012. Die Stadt wurde 121/739 unter dem Gouverneur ʿUqba b. al-Ḥaǧǧādī kurzfristig unter muslimische Kontrolle gebracht, die allerdings vor der fränkischen Zerstörung durch eine baskische Rebellion vertrieben wurde.</ref>
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Damit war das karolingische Interesse an dieser Region aber nicht erloschen, zumal Karls Vorstoß in den Nordosten der Iberischen Halbinsel muslimischen Razzien zunächst kein Ende setzte: 793 kam es von al-Andalus aus nochmals zu einer muslimischen Razzia nach Septimanien. Wiederum ergaben sich karolingische Verbindungen zu Dissidenten aus der Grenzzone: Angeblich bot der muslimische Herrscher von Barcelona 797 an, sich Karl zu unterwerfen. Im selben Jahr empfing Karl in Aachen einen gewissen ʿAbdallāh, den oben erwähnten Bruder des nun gestorbenen Emirs Hišam sowie Onkel des nun herrschenden Umayyadenemirs al-Ḥakam I. (regn. 180-206/796-822). Unter Karls Sohn Ludwig, seit 781 Unterkönig von Aquitanien, seit 791 auch mündig, wurde in mehreren Feldzügen der karolingische Vorstoß nach Südwesten weiter vorangetrieben. Huesca und Zaragoza versprachen zwar wiederholt ihre Unterordnung, so 799 und 809, bewahrten sich aber unter der Führung des vom Emir in der Grenzzone eingesetzten ʿAmrūs b. Yūsuf bzw. Amoroz, einem Muslim mit christlichen Wurzeln (''muwallad'')<ref name="ftn16">Zu ʿAmrūs b. Yūsuf, vgl. Collins, ''Caliphs and Kings'', S. 32-34, 217-218.</ref>, eine gewisse Unabhängigkeit vom karolingischen ''comes'' Aureolus und dessen Nachfolgern. Barcelona und Tortosa hingegen wurden 801 und 811 unter karolingische Herrschaft gebracht.<ref name="ftn17">''Annales Regni Francorum / Annales qui dicuntur Einhardi'', ed. Kurze (MGH SS rer. Germ. in us. schol. 6), S. 94-135.</ref> Im gleichen Zeitraum fanden auch Seekämpfe im westlichen Mittelmeerraum statt, insbesondere um die Inseln Korsika und Sardinien. In den Jahren 799, 807 und 813 kam es zu Gefechten zwischen karolingischen und als “maurisch” definierten Flottenverbänden, deren konkrete Zuordnung zu muslimischen Herrschaftszentren in Nordafrika oder auf der Iberischen Halbinsel nicht möglich ist.<ref name="ftn18">''Annales Regni Francorum / Annales qui dicuntur Einhardi'', ed. Kurze (MGH SS rer. Germ. in us. schol. 6), S. 94-139; Guichard, Débuts, S. 55-76.</ref> Der Friedensvertrag, den Karl der Große 812 mit dem umayyadischen Emir von Córdoba, al-Ḥakam I., schloss, ist vor dem Hintergrund dieser Auseinandersetzungen auf Land und See zu sehen. Er mag dazu gedient haben, die Gebietsgewinne in der so genannten spanischen Mark zu sichern sowie gleichzeitig den maritimen Auseinandersetzungen eine offizielle Legitimation aus Córdoba zu nehmen.<ref name="ftn19">''Annales Regni Francorum'', ed. Pertz und Kurze (MGH SS rer. Germ. in us. schol. 6), a. 812, S. 137: “Pax cum Abulaz rege Sarracenorum facta.” Der Friedensvertrag ist auf arabischer Seite bei Ibn Ḥayyān (gest. 469/1076) erwähnt, der ihn allerdings kurz vor den Tod Karls des Großen datiert, dessen Jahr er fälschlicherweise mit 191/806 angibt. Ibn Ḥayyān zufolge geht es in dem Friedensvertrag um eine Kooperation zur Sicherung des westlichen Mittelmeerraums vor den in Nordafrika aufsteigenden Idrisiden. Vgl. König, ''Arabic-Islamic Views,'' S. 193; Guichard, Débuts, S. 65-66; Sénac, ''Carolingiens et al-Andalus'', S. 76.</ref><sup> </sup>
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[§7] Damit war das karolingische Interesse an dieser Region aber nicht erloschen, zumal Karls Vorstoß in den Nordosten der Iberischen Halbinsel muslimischen Razzien zunächst kein Ende setzte: 793 kam es von al-Andalus aus nochmals zu einer muslimischen Razzia nach Septimanien. Wiederum ergaben sich karolingische Verbindungen zu Dissidenten aus der Grenzzone: Angeblich bot der muslimische Herrscher von Barcelona 797 an, sich Karl zu unterwerfen. Im selben Jahr empfing Karl in Aachen einen gewissen ʿAbdallāh, den oben erwähnten Bruder des nun gestorbenen Emirs Hišam sowie Onkel des nun herrschenden Umayyadenemirs al-Ḥakam I. (regn. 180-206/796-822). Unter Karls Sohn Ludwig, seit 781 Unterkönig von Aquitanien, seit 791 auch mündig, wurde in mehreren Feldzügen der karolingische Vorstoß nach Südwesten weiter vorangetrieben. Huesca und Zaragoza versprachen zwar wiederholt ihre Unterordnung, so 799 und 809, bewahrten sich aber unter der Führung des vom Emir in der Grenzzone eingesetzten ʿAmrūs b. Yūsuf bzw. Amoroz, einem Muslim mit christlichen Wurzeln (''muwallad'')<ref name="ftn16">Zu ʿAmrūs b. Yūsuf, vgl. Collins, ''Caliphs and Kings'', S. 32-34, 217-218.</ref>, eine gewisse Unabhängigkeit vom karolingischen ''comes'' Aureolus und dessen Nachfolgern. Barcelona und Tortosa hingegen wurden 801 und 811 unter karolingische Herrschaft gebracht.<ref name="ftn17">''Annales Regni Francorum / Annales qui dicuntur Einhardi'', ed. Kurze (MGH SS rer. Germ. in us. schol. 6), S. 94-135.</ref> Im gleichen Zeitraum fanden auch Seekämpfe im westlichen Mittelmeerraum statt, insbesondere um die Inseln Korsika und Sardinien. In den Jahren 799, 807 und 813 kam es zu Gefechten zwischen karolingischen und als “maurisch” definierten Flottenverbänden, deren konkrete Zuordnung zu muslimischen Herrschaftszentren in Nordafrika oder auf der Iberischen Halbinsel nicht möglich ist.<ref name="ftn18">''Annales Regni Francorum / Annales qui dicuntur Einhardi'', ed. Kurze (MGH SS rer. Germ. in us. schol. 6), S. 94-139; Guichard, Débuts, S. 55-76.</ref> Der Friedensvertrag, den Karl der Große 812 mit dem umayyadischen Emir von Córdoba, al-Ḥakam I., schloss, ist vor dem Hintergrund dieser Auseinandersetzungen auf Land und See zu sehen. Er mag dazu gedient haben, die Gebietsgewinne in der so genannten spanischen Mark zu sichern sowie gleichzeitig den maritimen Auseinandersetzungen eine offizielle Legitimation aus Córdoba zu nehmen.<ref name="ftn19">''Annales Regni Francorum'', ed. Pertz und Kurze (MGH SS rer. Germ. in us. schol. 6), a. 812, S. 137: “Pax cum Abulaz rege Sarracenorum facta.” Der Friedensvertrag ist auf arabischer Seite bei Ibn Ḥayyān (gest. 469/1076) erwähnt, der ihn allerdings kurz vor den Tod Karls des Großen datiert, dessen Jahr er fälschlicherweise mit 191/806 angibt. Ibn Ḥayyān zufolge geht es in dem Friedensvertrag um eine Kooperation zur Sicherung des westlichen Mittelmeerraums vor den in Nordafrika aufsteigenden Idrisiden. Vgl. König, ''Arabic-Islamic Views,'' S. 193; Guichard, Débuts, S. 65-66; Sénac, ''Carolingiens et al-Andalus'', S. 76.</ref><sup> </sup>
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Die in den 780ern erfolgte Immigration hispanischer Flüchtlinge ins fränkisch beherrschte Gebiet, die nach etwa dreißig Jahren zum Anlass für die Ausstellung des ''Praeceptum ''im Jahre 812 wurde, muss als Reaktion auf diese Turbulenzen in der muslimisch-fränkischen Grenzzone gedeutet werden.
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[§8] Die in den 780ern erfolgte Immigration hispanischer Flüchtlinge ins fränkisch beherrschte Gebiet, die nach etwa dreißig Jahren zum Anlass für die Ausstellung des ''Praeceptum ''im Jahre 812 wurde, muss als Reaktion auf diese Turbulenzen in der muslimisch-fränkischen Grenzzone gedeutet werden.
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Eine onomastische Analyse erlaubt uns dabei einen gewissen Einblick in die Zusammensetzung der Migrationsgruppe. Die im ''Praeceptum ''genannte Namensliste von 42 Petenten erwähnt am Anfang und am Ende jeweils einen Presbyter. Einige Namen können als Funktionsbezeichnungen oder Charaktereigenschaften gelesen werden, darunter Castellanus [Kastellan] und Rebellis [rebellisch]. Weitere Namen haben sprachliche, ethnische und religiöse Konnotationen: Wir finden eindeutig lateinische Namen wie etwa Amabilis und Simplicius, daneben bekannte, auch im Frankenreich genutzte Namen christlicher Heiliger wie Martinus, Stephanus und Johannes – Letzterer möglicherweise Empfänger der 795 von Karl dem Großen ausgestellten Urkunde für einen Mann aus Barcelona.<ref name="ftn20">Barbero, Integración, S. 71, identifiziert – ohne weitere Anhaltspunkte – diesen Johannes als den im Diplom von 795 erwähnten Johannes aus dem ''pagus'' von Barcelona. Siehe oben <span style="background-color:transparent;">Fußnote </span><span style="background-color:transparent;">6</span>.</ref> Auffällig ist die Häufung theophorer Namen, darunter Homodei [Mann/Mensch Gottes], Esperandei [hoffend auf Gott?] und Christianus [Christ], bei denen zu überlegen wäre, ob sie möglicherweise von Konvertiten zum Christentum getragen wurden. In einigen Namen sieht man schon frühe Formen für die spätere Iberoromania charakteristischer Namen, etwa Gomis [Gómez < ''comes''?]. Ferner gibt es Namen, die als westgotisch klassifiziert werden können, weil sie u. a. von früheren Westgotenkönigen getragen wurden, darunter Egila, Witericus, möglicherweise auch Quintila [vgl. Chintila]. Einige Namen scheinen fränkischen Ursprungs zu sein, etwa Elpericus [vgl. Chilperich]. Wasco wiederum verweist auf die Basken, denen möglicherweise auch der genannte Asinarius angehört, will man ihn als den baskischen ''comes'' Aznár Galindez von Aragon identifizieren.<ref name="ftn21">Barbero, Integración, S. 71-72; Gillard und Sénac, Hispani, S. 168; vgl. Depreux, ''Prosopographie'', S. 416.</ref> Ein gewisser Cazerellus wird als Langobarde (''Longobardus'') bezeichnet. Den Namen Ati[l]la assoziiert man normalerweise mit den Hunnen.
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[§9] Eine onomastische Analyse erlaubt uns dabei einen gewissen Einblick in die Zusammensetzung der Migrationsgruppe. Die im ''Praeceptum ''genannte Namensliste von 42 Petenten erwähnt am Anfang und am Ende jeweils einen Presbyter. Einige Namen können als Funktionsbezeichnungen oder Charaktereigenschaften gelesen werden, darunter Castellanus [Kastellan] und Rebellis [rebellisch]. Weitere Namen haben sprachliche, ethnische und religiöse Konnotationen: Wir finden eindeutig lateinische Namen wie etwa Amabilis und Simplicius, daneben bekannte, auch im Frankenreich genutzte Namen christlicher Heiliger wie Martinus, Stephanus und Johannes – Letzterer möglicherweise Empfänger der 795 von Karl dem Großen ausgestellten Urkunde für einen Mann aus Barcelona.<ref name="ftn20">Barbero, Integración, S. 71, identifiziert – ohne weitere Anhaltspunkte – diesen Johannes als den im Diplom von 795 erwähnten Johannes aus dem ''pagus'' von Barcelona. Siehe oben <span style="background-color:transparent;">Fußnote </span><span style="background-color:transparent;">6</span>.</ref> Auffällig ist die Häufung theophorer Namen, darunter Homodei [Mann/Mensch Gottes], Esperandei [hoffend auf Gott?] und Christianus [Christ], bei denen zu überlegen wäre, ob sie möglicherweise von Konvertiten zum Christentum getragen wurden. In einigen Namen sieht man schon frühe Formen für die spätere Iberoromania charakteristischer Namen, etwa Gomis [Gómez < ''comes''?]. Ferner gibt es Namen, die als westgotisch klassifiziert werden können, weil sie u. a. von früheren Westgotenkönigen getragen wurden, darunter Egila, Witericus, möglicherweise auch Quintila [vgl. Chintila]. Einige Namen scheinen fränkischen Ursprungs zu sein, etwa Elpericus [vgl. Chilperich]. Wasco wiederum verweist auf die Basken, denen möglicherweise auch der genannte Asinarius angehört, will man ihn als den baskischen ''comes'' Aznár Galindez von Aragon identifizieren.<ref name="ftn21">Barbero, Integración, S. 71-72; Gillard und Sénac, Hispani, S. 168; vgl. Depreux, ''Prosopographie'', S. 416.</ref> Ein gewisser Cazerellus wird als Langobarde (''Longobardus'') bezeichnet. Den Namen Ati[l]la assoziiert man normalerweise mit den Hunnen.
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Am interessantesten sind allerdings Namen, die den Träger als Person (ehemaliger?) islamischer Religionszugehörigkeit ausweisen könnten, wie Xavier Gillard und Philippe Sénac schon feststellten. Hierzu zählen die Namen Maurus, Zoleiman und Zate. Maurus wird in frühmittelalterlichen lateinischen Quellen auch für nichtromanisierte, nordafrikanische Berber verwendet. Zoleiman verweist auf Sulaymān, die arabische Variante des jüdischen Königsnamens Salomo, der in dieser Liste in seiner üblichen lateinischen Version von einer anderen Person getragen wird und damit deutlich mit der arabischen Variante des Namens kontrastiert werden kann. Zate wird wiederum von Xavier Gillard und Philippe Sénac arabisch als Saʿdūn gelesen und mit den lateinischen Namensformen Zadun, Zatun etc. gleichgesetzt.<ref name="ftn22">Gillard und Sénac, Hispani, S. 168.</ref> Ein Saʿdūn lässt sich für das späte 8. und frühe 9. Jahrhundert in dieser Region mehrfach nachweisen: Auf arabischer Seite erwähnt das Geschichtswerk des Ibn Ḥayyān (gest. 469/1076) einen gewissen Saʿdūn al-Ruʿaynī als ''amīr'' der Stadt Barcelona in der Periode ihrer Eroberung durch die Franken, liefert aber keine Details zu den Beziehungen dieses Saʿdūn zu den Karolingern.<ref name="ftn23">Ibn Ḥayyān, ''Al-Sifr al-ṯānī min kitāb al-muqtabis [al-Muqtabis II-1]'', ed. Maḥmūd Makkī, Riyāḍ: Markaz al-malik Fayṣal li-l-buḥūṯ wa-l-dirāsāt al-islāmiyya, 2003, fol. 95b, AH 185 / AD 801, S. 117.</ref> Die ''Annales Regni Francorum'' berichten allerdings für das Jahr 797, dass Zatun, der „Präfekt“ der Stadt Barcelona, zur Pfalz Karls des Großen gekommen sei und diesem die Herrschaft über die Stadt übertragen habe.<ref name="ftn24">''Annales Regni Francorum'', ed. Pertz und Kurze (MGH SS rer. Germ. in us. schol. 6), a. 797, S. 100: „Barcinona civitas Hispaniae, quae iam pridem a nobis desciverat, per Zatun praefectum ipsius nobis est reddita. Nam ipse ad palatium veniens domno regi semetipsum cum civitate commendavit.“</ref> Ludwigs Biograph, der so genannte Astronomus, behauptet, Ludwig sei um 800 vor Barcelona von demselben Zaddo ''dux'' empfangen worden, der ihm die Stadt aber nicht übergeben habe.<ref name="ftn25">Astronomus, ''Vita Hludowici imperatoris'', ed./übers. Ernst Tremp (MGH SS rer. Germ. in us. schol. 64), Hannover: Hahn, 1995, cap. 10, p. 310: „Cui Barcinnone adpropianti Zaddo dux eiusdem civitatis iamque subiectus occurrit, nec tamen civitatem dedidit.“</ref> Dem Astronomus zufolge wurde Zaddo überredet, sich nach Narbonne aufzumachen, wo er dann gefangengenommen und zunächst vor Ludwig, dann vor Karl geführt wurde.<ref name="ftn26">Astronomus, ''Vita Hludowici imperatoris ''(MGH SS rer. Germ. in us. schol. 64), ed./übers. Tremp, cap. 13, p. 312-314.</ref> Auch Ermoldus Nigellus erwähnt in seinem Lobgedicht auf Ludwig den Frommen einen gewissen Zadun als „maurischen“ Herrscher über die 801 von den Franken eroberte Stadt Barcelona (''princeps urbis erat Maurus, cognomine Zadun'').<ref name="ftn27">Ermoldus Nigellus, ''Carmen in honorem Ludovici Pii'', ed. Ernst Dümmler (MGH Poetae latini carolini aevi 2), Berlin: Weidmann, 1884, v. 315, S. 15; ibid., v. 377, S. 17. </ref> Hier wird allerdings Zadun bei der Eroberung gefangengenommen<ref name="ftn28">Ermoldus, ''Carmen'', ed. Dümmler (MGH Poetae latini carolini aevi 2), v. 471 und 495, S. 20.</ref> und dann vor den Kaiser geführt.<ref name="ftn29">Ermoldus, ''Carmen'', ed. Dümmler (MGH Poetae latini carolini aevi 2), v. 554, S. 22.</ref> Die ''Annales Regni Francorum'' fügen dem für das Jahr 801 noch hinzu, dass Zatun vom Kaiser ins Exil geschickt worden sei.<ref name="ftn30">''Annales Regni Francorum'', ed. Pertz und Kurze (MGH SS rer. Germ. in us. schol. 6), a. 801, S. 116: „Zatun et Roselmus una die ad praesentiam imperatoris deducti et exilio dampnati sunt.“</ref> Abgesehen von den Widersprüchen in der Berichterstattung<ref name="ftn31">Vgl. Mohr, ''Wissen über die Anderen'', S. 168.</ref> erscheint es fraglich, ob man vor diesem Hintergrund den Ex-Gouverneur Barcelonas der im ''Praeceptum'' von 812 erwähnten Immigrantengruppe zuordnen kann. Xavier Gillard und Philippe Sénac erscheint es durchaus möglich, dass sich eine Gruppe von Muslimen, darunter auch Saʿdūn, nach dem Fall Barcelonas für ein Verbleiben bzw. für ein Überwechseln in die fränkische Sphäre entschieden habe. Sie identifizieren Saʿdūn auch deswegen mit dem im ''Praeceptum'' erwähnten Zate, weil sein Name dort in Verbindung mit ''militeis'' [''sic''] – hier wohl zu lesen als ''milites ''oder ''milites eius – ''genannt wird, was für eine gewisse militärisch-administrative Stellung dieses Zate spreche.<ref name="ftn32">Gillard und Sénac, Hispani, S. 168: „Rien ne permet de savoir s’il [i.e. Zaddo] passa dans les rangs des chrétiens après la chute de la ville mais le mot ''milites'' auquel son nom est accolé conduit à supposer que d’autres musulmans se rangèrent du côté des chrétiens. Le fait ne doit pas surprendre dans la mesure où, selon les ''Annales Regni Francorum'', ce ''Zatum'' avait déjà tenté en 797 un rapprochement avec le roi Charles.“</ref> Grundsätzlich wäre ein solches Überlaufen gerade in dieser Periode nicht von der Hand zu weisen, zumal Karl zwischen den späten 770ern und dem Ende des 8. Jahrhunderts mehrfach muslimische Dissidenten aus dem Grenzgebiet in Paderborn und sogar ein dissidentes Mitglied des umayyadischen Hofes in Aachen empfing.<ref name="ftn33">Sénac, ''Carolingiens'', S. 52-53, 66; König, ''Arabic-Islamic Views'', S. 193.</ref>
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[§10] Am interessantesten sind allerdings Namen, die den Träger als Person (ehemaliger?) islamischer Religionszugehörigkeit ausweisen könnten, wie Xavier Gillard und Philippe Sénac schon feststellten. Hierzu zählen die Namen Maurus, Zoleiman und Zate. Maurus wird in frühmittelalterlichen lateinischen Quellen auch für nichtromanisierte, nordafrikanische Berber verwendet. Zoleiman verweist auf Sulaymān, die arabische Variante des jüdischen Königsnamens Salomo, der in dieser Liste in seiner üblichen lateinischen Version von einer anderen Person getragen wird und damit deutlich mit der arabischen Variante des Namens kontrastiert werden kann. Zate wird wiederum von Xavier Gillard und Philippe Sénac arabisch als Saʿdūn gelesen und mit den lateinischen Namensformen Zadun, Zatun etc. gleichgesetzt.<ref name="ftn22">Gillard und Sénac, Hispani, S. 168.</ref> Ein Saʿdūn lässt sich für das späte 8. und frühe 9. Jahrhundert in dieser Region mehrfach nachweisen: Auf arabischer Seite erwähnt das Geschichtswerk des Ibn Ḥayyān (gest. 469/1076) einen gewissen Saʿdūn al-Ruʿaynī als ''amīr'' der Stadt Barcelona in der Periode ihrer Eroberung durch die Franken, liefert aber keine Details zu den Beziehungen dieses Saʿdūn zu den Karolingern.<ref name="ftn23">Ibn Ḥayyān, ''Al-Sifr al-ṯānī min kitāb al-muqtabis [al-Muqtabis II-1]'', ed. Maḥmūd Makkī, Riyāḍ: Markaz al-malik Fayṣal li-l-buḥūṯ wa-l-dirāsāt al-islāmiyya, 2003, fol. 95b, AH 185 / AD 801, S. 117.</ref> Die ''Annales Regni Francorum'' berichten allerdings für das Jahr 797, dass Zatun, der „Präfekt“ der Stadt Barcelona, zur Pfalz Karls des Großen gekommen sei und diesem die Herrschaft über die Stadt übertragen habe.<ref name="ftn24">''Annales Regni Francorum'', ed. Pertz und Kurze (MGH SS rer. Germ. in us. schol. 6), a. 797, S. 100: „Barcinona civitas Hispaniae, quae iam pridem a nobis desciverat, per Zatun praefectum ipsius nobis est reddita. Nam ipse ad palatium veniens domno regi semetipsum cum civitate commendavit.“</ref> Ludwigs Biograph, der so genannte Astronomus, behauptet, Ludwig sei um 800 vor Barcelona von demselben Zaddo ''dux'' empfangen worden, der ihm die Stadt aber nicht übergeben habe.<ref name="ftn25">Astronomus, ''Vita Hludowici imperatoris'', ed./übers. Ernst Tremp (MGH SS rer. Germ. in us. schol. 64), Hannover: Hahn, 1995, cap. 10, p. 310: „Cui Barcinnone adpropianti Zaddo dux eiusdem civitatis iamque subiectus occurrit, nec tamen civitatem dedidit.“</ref> Dem Astronomus zufolge wurde Zaddo überredet, sich nach Narbonne aufzumachen, wo er dann gefangengenommen und zunächst vor Ludwig, dann vor Karl geführt wurde.<ref name="ftn26">Astronomus, ''Vita Hludowici imperatoris ''(MGH SS rer. Germ. in us. schol. 64), ed./übers. Tremp, cap. 13, p. 312-314.</ref> Auch Ermoldus Nigellus erwähnt in seinem Lobgedicht auf Ludwig den Frommen einen gewissen Zadun als „maurischen“ Herrscher über die 801 von den Franken eroberte Stadt Barcelona (''princeps urbis erat Maurus, cognomine Zadun'').<ref name="ftn27">Ermoldus Nigellus, ''Carmen in honorem Ludovici Pii'', ed. Ernst Dümmler (MGH Poetae latini carolini aevi 2), Berlin: Weidmann, 1884, v. 315, S. 15; ibid., v. 377, S. 17. </ref> Hier wird allerdings Zadun bei der Eroberung gefangengenommen<ref name="ftn28">Ermoldus, ''Carmen'', ed. Dümmler (MGH Poetae latini carolini aevi 2), v. 471 und 495, S. 20.</ref> und dann vor den Kaiser geführt.<ref name="ftn29">Ermoldus, ''Carmen'', ed. Dümmler (MGH Poetae latini carolini aevi 2), v. 554, S. 22.</ref> Die ''Annales Regni Francorum'' fügen dem für das Jahr 801 noch hinzu, dass Zatun vom Kaiser ins Exil geschickt worden sei.<ref name="ftn30">''Annales Regni Francorum'', ed. Pertz und Kurze (MGH SS rer. Germ. in us. schol. 6), a. 801, S. 116: „Zatun et Roselmus una die ad praesentiam imperatoris deducti et exilio dampnati sunt.“</ref> Abgesehen von den Widersprüchen in der Berichterstattung<ref name="ftn31">Vgl. Mohr, ''Wissen über die Anderen'', S. 168.</ref> erscheint es fraglich, ob man vor diesem Hintergrund den Ex-Gouverneur Barcelonas der im ''Praeceptum'' von 812 erwähnten Immigrantengruppe zuordnen kann. Xavier Gillard und Philippe Sénac erscheint es durchaus möglich, dass sich eine Gruppe von Muslimen, darunter auch Saʿdūn, nach dem Fall Barcelonas für ein Verbleiben bzw. für ein Überwechseln in die fränkische Sphäre entschieden habe. Sie identifizieren Saʿdūn auch deswegen mit dem im ''Praeceptum'' erwähnten Zate, weil sein Name dort in Verbindung mit ''militeis'' [''sic''] – hier wohl zu lesen als ''milites ''oder ''milites eius – ''genannt wird, was für eine gewisse militärisch-administrative Stellung dieses Zate spreche.<ref name="ftn32">Gillard und Sénac, Hispani, S. 168: „Rien ne permet de savoir s’il [i.e. Zaddo] passa dans les rangs des chrétiens après la chute de la ville mais le mot ''milites'' auquel son nom est accolé conduit à supposer que d’autres musulmans se rangèrent du côté des chrétiens. Le fait ne doit pas surprendre dans la mesure où, selon les ''Annales Regni Francorum'', ce ''Zatum'' avait déjà tenté en 797 un rapprochement avec le roi Charles.“</ref> Grundsätzlich wäre ein solches Überlaufen gerade in dieser Periode nicht von der Hand zu weisen, zumal Karl zwischen den späten 770ern und dem Ende des 8. Jahrhunderts mehrfach muslimische Dissidenten aus dem Grenzgebiet in Paderborn und sogar ein dissidentes Mitglied des umayyadischen Hofes in Aachen empfing.<ref name="ftn33">Sénac, ''Carolingiens'', S. 52-53, 66; König, ''Arabic-Islamic Views'', S. 193.</ref>
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Trotz aller Zweifel an der Berechtigung einer Identifikation Zates mit dem ehemaligen muslimischen ''amīr'' von Barcelona ist es wichtig festzuhalten, dass die im ''Praeceptum'' genannten ''Hispani'' keine homogene Gruppe darstellten, sondern aus Menschen verschiedener ethnischer und wahrscheinlich auch religiöser Herkunft bestanden. Zu solchen Immigranten werden u. a. auch Theodulf von Orléans, der enge Berater Karls des Großen, ferner der Bischof Agobard von Lyon und der Historiograph Prudentius von Troyes gerechnet, auch wenn man in allen drei Fällen keinerlei konkrete Hinweise auf den Zeitpunkt ihrer Immigration in das fränkische Herrschaftsgebiet hat.<ref name="ftn34">Brunhölzl, ''Geschichte der lateinischen Literatur'', Bd. 1, S. 288 (Theodulf), S. 415 (Agobard); Girgensohn, ''Prudentius und die Bertinianischen Annalen'', S. 1.</ref>
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[§11] Trotz aller Zweifel an der Berechtigung einer Identifikation Zates mit dem ehemaligen muslimischen ''amīr'' von Barcelona ist es wichtig festzuhalten, dass die im ''Praeceptum'' genannten ''Hispani'' keine homogene Gruppe darstellten, sondern aus Menschen verschiedener ethnischer und wahrscheinlich auch religiöser Herkunft bestanden. Zu solchen Immigranten werden u. a. auch Theodulf von Orléans, der enge Berater Karls des Großen, ferner der Bischof Agobard von Lyon und der Historiograph Prudentius von Troyes gerechnet, auch wenn man in allen drei Fällen keinerlei konkrete Hinweise auf den Zeitpunkt ihrer Immigration in das fränkische Herrschaftsgebiet hat.<ref name="ftn34">Brunhölzl, ''Geschichte der lateinischen Literatur'', Bd. 1, S. 288 (Theodulf), S. 415 (Agobard); Girgensohn, ''Prudentius und die Bertinianischen Annalen'', S. 1.</ref>
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Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage nach den Motivationen der Immigration ins Frankenreich. Die bisherige Forschung geht generell davon aus, dass diese Immigrationswelle von dem Wunsch getrieben war, einer als christenfeindlich definierten muslimischen Herrschaft zu entfliehen.<ref name="ftn35">Lewis, ''Development'', S. 70, spricht von Territorien „liberated from the Moslem yoke“;'' ''Gillard und Sénac, Hispani, S. 166, betonen “que c’est le contexte politique et militaire qui détermina le rythme de la migration”, aber gehen ohne Beweise davon aus, dass die Immigranten aus Gruppen bestanden, die ein Leben unter muslimischer Herrschaft verweigerten (''refusant la domination musulmane''). Ähnlich behauptet Depreux, Préceptes, S. 23: “Ces ''Hispani'' avaient fui la domination de l’émirat d’al-Andalus pour se réfugier sous la tutelle franque, c’est-à-dire sous une tutelle chrétienne.” Ohne die hispanischen Immigranten selbst zum Untersuchungsgegenstand zu haben, geht Hen, Charlemagne’s Jihad, S. 33-52, von demselben Motiv aus. Chandler, Counts, S. 25, zitiert gar das angebliche Ursprungsdokument Karls des Großen, das den ''Hispani'' um 780 die ''aprisio'' in Septimanien erlaubt haben soll. Dieses Dokument spricht von ''Hispani'', die „e Sarracenorum potestate se subtrahentes nostro dominio libera et prompta voluntate se subdiderunt.“ Der von Chandler nicht zitierte Depreux, Préceptes, S. 23-24, kennzeichnet dieses Dokument als Rekonstruktion durch den Editor Ramón d’Abadal i de Vinyals, ''Catalunya carolíngia: Els diplomes carolingis a Catalunya'', Bd. 2, Barcelona: Institut d’Estudis Catalans, 1952, S. 399-416, hier S. 412, und erkennt damit die Authentizität des Dokuments nicht an. D’Abadal schreibt auch, S. 408, dass er dieses Dokument auf der Basis der ''Constitutio'' Ludwigs des Frommen von 815 und des ''Praeceptum'' Karls des Kahlen von 844 rekonstruiert habe: „Podem concloure, per tant, que hi hagué un capitular originari de Carlemany per als hispans refugiats; que fou promulgat probablement pels volts del 780; que en tenim bona part del text, conservat dintre els capitulars de Lluís el Piadós, de 815, i de Carles el Calb, de 844, que l’aprofitaren copiant-lo; que els capítols 6, 7, 8, 9, i 10 d’aquest darrer formen una unitat procedent d’ell amb gran fidelitat de còpia.“</ref> Wie schon Philippe Depreux betont<ref name="ftn36">Depreux, Préceptes, S. 23.</ref>, ist dieses Motiv allerdings erst ab 815 in den Erlassen Ludwigs des Frommen (815, 816) und v. a. Karls des Kahlen (844) ausformuliert.<ref name="ftn37">''Constitutio de Hispanis in Francorum regnum profugus prima'' (1. Jan. 815), ed. Alfredus Boretius (MGH Leges, Capitularia regum Francorum 1), Hannover: Hahn, 1883, n. 132, S. 261-263, hier: S. 261; ''Constitutio Hludowici de Hispanis secunda'' (10. Feb. 816), ed. Alfred Boretius (MGH Leges, Capitularia regum Francorum 1), Hannover: Hahn, 1883, n. 133, S. 263-264, hier: S. 263; ''Praeceptum pro Hispanis'' (11. Juni 844), ed. Alfred Boretius (MGH Leges, Capitularia regum Francorum 2), Hannover: Hahn, 1897, n. 256, S. 258-260.</ref> Im ''Praeceptum'' von 812 wird weder ein muslimisch produzierter Emigrationsdruck noch ein anderes Motiv explizit erwähnt. Karl der Große spricht hier lediglich von „unseren ''Hispani'', die aus Spanien in unser Vertrauen (''fiduciam'') gekommen sind“<ref name="ftn38">''Praeceptum pro Hispanis'' (2 April 812), ed. Boretius, n. 76, S. 169: “Ispanos nostros, qui ad nostram fiduciam de Ispania venientes”.</ref>, verzichtet aber darauf, sie als ehemalige Bewohner eines muslimischen Herrschaftsgebietes darzustellen und ihre früheren Lebensbedingungen zu beschreiben. Indem die Forschung davon ausgeht, dass die ab 815 erwähnte Motivation für Migrationsschübe im ganzen Zeitraum von den 780ern bis in die 840er verantwortlich ist, zeichnet sie das Bild einer christlichen Massenflucht aus einem religiös unterdrückten Gebiet. Lediglich Xavier Gillard und Philippe Sénac nuancieren hier etwas, indem sie darauf hinweisen, dass der hier relevante Migrationsprozess lange nach der eigentlichen arabisch-berberischen Invasion der Iberischen Halbinsel (711) und der muslimischen Eroberung der im Nordosten gelegenen Städte Zaragoza (714) und Barcelona (715) stattfand. Ferner mutmaßen sie, dass die von den Karolingern geschaffene Pufferzone erst dann wirklich als Siedlungsgebiet attraktiv wurde, als sich nach der fränkischen Übernahme von Barcelona (801) das Kampfgeschehen auf der Iberischen Halbinsel weiter nach Süden verlagerte.<ref name="ftn39">Gillard und Sénac, Hispani, S. 166; Gibert Rebull, Quelques notes, S. 170-175.</ref>
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[§12] Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage nach den Motivationen der Immigration ins Frankenreich. Die bisherige Forschung geht generell davon aus, dass diese Immigrationswelle von dem Wunsch getrieben war, einer als christenfeindlich definierten muslimischen Herrschaft zu entfliehen.<ref name="ftn35">Lewis, ''Development'', S. 70, spricht von Territorien „liberated from the Moslem yoke“;'' ''Gillard und Sénac, Hispani, S. 166, betonen “que c’est le contexte politique et militaire qui détermina le rythme de la migration”, aber gehen ohne Beweise davon aus, dass die Immigranten aus Gruppen bestanden, die ein Leben unter muslimischer Herrschaft verweigerten (''refusant la domination musulmane''). Ähnlich behauptet Depreux, Préceptes, S. 23: “Ces ''Hispani'' avaient fui la domination de l’émirat d’al-Andalus pour se réfugier sous la tutelle franque, c’est-à-dire sous une tutelle chrétienne.” Ohne die hispanischen Immigranten selbst zum Untersuchungsgegenstand zu haben, geht Hen, Charlemagne’s Jihad, S. 33-52, von demselben Motiv aus. Chandler, Counts, S. 25, zitiert gar das angebliche Ursprungsdokument Karls des Großen, das den ''Hispani'' um 780 die ''aprisio'' in Septimanien erlaubt haben soll. Dieses Dokument spricht von ''Hispani'', die „e Sarracenorum potestate se subtrahentes nostro dominio libera et prompta voluntate se subdiderunt.“ Der von Chandler nicht zitierte Depreux, Préceptes, S. 23-24, kennzeichnet dieses Dokument als Rekonstruktion durch den Editor Ramón d’Abadal i de Vinyals, ''Catalunya carolíngia: Els diplomes carolingis a Catalunya'', Bd. 2, Barcelona: Institut d’Estudis Catalans, 1952, S. 399-416, hier S. 412, und erkennt damit die Authentizität des Dokuments nicht an. D’Abadal schreibt auch, S. 408, dass er dieses Dokument auf der Basis der ''Constitutio'' Ludwigs des Frommen von 815 und des ''Praeceptum'' Karls des Kahlen von 844 rekonstruiert habe: „Podem concloure, per tant, que hi hagué un capitular originari de Carlemany per als hispans refugiats; que fou promulgat probablement pels volts del 780; que en tenim bona part del text, conservat dintre els capitulars de Lluís el Piadós, de 815, i de Carles el Calb, de 844, que l’aprofitaren copiant-lo; que els capítols 6, 7, 8, 9, i 10 d’aquest darrer formen una unitat procedent d’ell amb gran fidelitat de còpia.“</ref> Wie schon Philippe Depreux betont<ref name="ftn36">Depreux, Préceptes, S. 23.</ref>, ist dieses Motiv allerdings erst ab 815 in den Erlassen Ludwigs des Frommen (815, 816) und v. a. Karls des Kahlen (844) ausformuliert.<ref name="ftn37">''Constitutio de Hispanis in Francorum regnum profugus prima'' (1. Jan. 815), ed. Alfredus Boretius (MGH Leges, Capitularia regum Francorum 1), Hannover: Hahn, 1883, n. 132, S. 261-263, hier: S. 261; ''Constitutio Hludowici de Hispanis secunda'' (10. Feb. 816), ed. Alfred Boretius (MGH Leges, Capitularia regum Francorum 1), Hannover: Hahn, 1883, n. 133, S. 263-264, hier: S. 263; ''Praeceptum pro Hispanis'' (11. Juni 844), ed. Alfred Boretius (MGH Leges, Capitularia regum Francorum 2), Hannover: Hahn, 1897, n. 256, S. 258-260.</ref> Im ''Praeceptum'' von 812 wird weder ein muslimisch produzierter Emigrationsdruck noch ein anderes Motiv explizit erwähnt. Karl der Große spricht hier lediglich von „unseren ''Hispani'', die aus Spanien in unser Vertrauen (''fiduciam'') gekommen sind“<ref name="ftn38">''Praeceptum pro Hispanis'' (2 April 812), ed. Boretius, n. 76, S. 169: “Ispanos nostros, qui ad nostram fiduciam de Ispania venientes”.</ref>, verzichtet aber darauf, sie als ehemalige Bewohner eines muslimischen Herrschaftsgebietes darzustellen und ihre früheren Lebensbedingungen zu beschreiben. Indem die Forschung davon ausgeht, dass die ab 815 erwähnte Motivation für Migrationsschübe im ganzen Zeitraum von den 780ern bis in die 840er verantwortlich ist, zeichnet sie das Bild einer christlichen Massenflucht aus einem religiös unterdrückten Gebiet. Lediglich Xavier Gillard und Philippe Sénac nuancieren hier etwas, indem sie darauf hinweisen, dass der hier relevante Migrationsprozess lange nach der eigentlichen arabisch-berberischen Invasion der Iberischen Halbinsel (711) und der muslimischen Eroberung der im Nordosten gelegenen Städte Zaragoza (714) und Barcelona (715) stattfand. Ferner mutmaßen sie, dass die von den Karolingern geschaffene Pufferzone erst dann wirklich als Siedlungsgebiet attraktiv wurde, als sich nach der fränkischen Übernahme von Barcelona (801) das Kampfgeschehen auf der Iberischen Halbinsel weiter nach Süden verlagerte.<ref name="ftn39">Gillard und Sénac, Hispani, S. 166; Gibert Rebull, Quelques notes, S. 170-175.</ref>
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Dass die Immigranten, die etwa dreißig Jahre früher ins fränkische Gebiet gekommen waren, als Religionsflüchtlinge klassifiziert werden müssen und der religiöse Gegensatz zwischen Muslimen und Christen ab der Herrschaftsperiode Karls des Großen zu einem kontinuierlich dominanten Migrationsmotiv wurde, erscheint vor dem skizzierten politischen Hintergrund nicht restlos überzeugend. Die Grenzregion zwischen dem karolingischen Frankenreich und dem umayyadischen al-Andalus war seit Jahrzehnten umkämpft. Die Aktivitäten umayyadischer Dissidenten brachten diese Grenzregion dann nochmals stärker ins Visier der umayyadischen Autoritäten in Córdoba und lockten auch noch Karl in die Region. Dessen Feldzug restituierte nicht gerade friedliche Verhältnisse, sondern führte sogar zur Zerstörung Pamplonas. Man muss sich also fragen, ob es nicht weniger der religiöse Gegensatz zwischen Christen und Muslimen, als vielmehr die chaotische Situation in der fränkisch-umayyadischen Grenzregion war, die verschiedene Menschen dazu animierte, diese Region in Richtung Frankenreich zu verlassen.<ref name="ftn40">König, Charlemagne’s ‚Jihad‘, S. 23.</ref> Dieses mag als imperiale Großregion eine gewisse Anziehungskraft ausgeübt haben: Anders als für das frühe 8. Jahrhundert sind nach Gillard und Sénac für die Zeit nach Karls Eingreifen auf der Iberischen Halbinsel keine Migrationsbewegungen in andere Gegenden, etwa den christlichen Nordosten und Norden oder den andalusischen Süden der Iberischen Halbinsel, verzeichnet.<ref name="ftn41">Vgl. Gillard und Sénac, Hispani, S. 166-167.</ref> Zu überlegen wäre ferner, ob die von Karl dem Großen in den 780ern versprochenen Ansiedlungsbedingungen der ''aprisio'' nicht gewisse Migrationsanreize schufen. Aus dem ''Praeceptum ''lässt sich schließlich ableiten, dass die hispanischen Siedler die Zusicherung erhalten hatten, das von ihnen in Besitz genommene Land nach dreißig Jahren in vererbbaren Eigenbesitz zu überführen. Als Gegenleistung wurde von ihnen hierfür nur gefordert, dass sie das zugewiesene Brach- in Kulturland verwandelten und dem König und seinen Söhnen gegenüber loyal blieben.
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[§13] Dass die Immigranten, die etwa dreißig Jahre früher ins fränkische Gebiet gekommen waren, als Religionsflüchtlinge klassifiziert werden müssen und der religiöse Gegensatz zwischen Muslimen und Christen ab der Herrschaftsperiode Karls des Großen zu einem kontinuierlich dominanten Migrationsmotiv wurde, erscheint vor dem skizzierten politischen Hintergrund nicht restlos überzeugend. Die Grenzregion zwischen dem karolingischen Frankenreich und dem umayyadischen al-Andalus war seit Jahrzehnten umkämpft. Die Aktivitäten umayyadischer Dissidenten brachten diese Grenzregion dann nochmals stärker ins Visier der umayyadischen Autoritäten in Córdoba und lockten auch noch Karl in die Region. Dessen Feldzug restituierte nicht gerade friedliche Verhältnisse, sondern führte sogar zur Zerstörung Pamplonas. Man muss sich also fragen, ob es nicht weniger der religiöse Gegensatz zwischen Christen und Muslimen, als vielmehr die chaotische Situation in der fränkisch-umayyadischen Grenzregion war, die verschiedene Menschen dazu animierte, diese Region in Richtung Frankenreich zu verlassen.<ref name="ftn40">König, Charlemagne’s ‚Jihad‘, S. 23.</ref> Dieses mag als imperiale Großregion eine gewisse Anziehungskraft ausgeübt haben: Anders als für das frühe 8. Jahrhundert sind nach Gillard und Sénac für die Zeit nach Karls Eingreifen auf der Iberischen Halbinsel keine Migrationsbewegungen in andere Gegenden, etwa den christlichen Nordosten und Norden oder den andalusischen Süden der Iberischen Halbinsel, verzeichnet.<ref name="ftn41">Vgl. Gillard und Sénac, Hispani, S. 166-167.</ref> Zu überlegen wäre ferner, ob die von Karl dem Großen in den 780ern versprochenen Ansiedlungsbedingungen der ''aprisio'' nicht gewisse Migrationsanreize schufen. Aus dem ''Praeceptum ''lässt sich schließlich ableiten, dass die hispanischen Siedler die Zusicherung erhalten hatten, das von ihnen in Besitz genommene Land nach dreißig Jahren in vererbbaren Eigenbesitz zu überführen. Als Gegenleistung wurde von ihnen hierfür nur gefordert, dass sie das zugewiesene Brach- in Kulturland verwandelten und dem König und seinen Söhnen gegenüber loyal blieben.
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Karls Motivation, entsprechende Privilegien zu gewähren, müssen nicht unbedingt in dem Wunsch zu suchen sein, christlichen Religionsflüchtlingen aus al-Andalus eine sichere Zuflucht im Frankenreich zu bieten – zumal einige der Siedler möglicherweise gar keine Christen waren. Die im ''Praeceptum'' erwähnte Landbevölkerung (''pagenses''), die gegenüber den ''Hispani'' einen Besitzanspruch auf das von Letzteren kultivierte Land anmeldete, gibt vielleicht einen Einblick in Karls Motive. Dieser macht im ''Praeceptum'' schließlich sehr deutlich, dass es sich bei dem von den ''Hispani'' appropriierten Land um königliches Fiskalland handelt. Der König betrachtete also alles Brachland im Südwesten des Frankenreiches als sein eigen und wehrte alle Ansprüche lokaler Bewohner (''pagenses'') und Eliten (''comites, iuniores'') auf dieses Land ab. Aus königlicher Perspektive ging es hier nicht notwendigerweise um eine humanitär motivierte Aufnahme von Flüchtlingen, sondern um die Stärkung der Königsmacht durch Ansiedlung einer Gruppe, die sich aufgrund der ihr vom König gewährten Privilegien als loyal erweisen würde. In einer Region, die die Karolinger erst seit den Zeiten von Karls Großvater Karl Martell in das Frankenreich einzugliedern begannen, die Karl ab 781 durch das Unterkönigtum Ludwigs des Frommen stärker an das Reichszentrum anzubinden versucht hatte und die im Zuge des Vordringens auf die Iberische Halbinsel auch noch territorial erweitert wurde, war eine Stärkung der königstreuen Bevölkerung von großer Bedeutung.<ref name="ftn42">Chandler, Court, S. 27: „the maintenance of royal and imperial power, was at the heart of the ''aprisio'' grant.“</ref> Als Karl der Große am 2. April 812 das ''Praeceptum'' erließ, hatte er entweder gerade einen Friedensvertrag mit dem umayyadischen ''amīr'' al-Ḥakam I, auch bekannt unter dem Namen Abū l-ʿAṣi (''Abulaz''), geschlossen, oder war gerade dabei, dies zu tun. Er setzte also zu diesem Zeitpunkt auf eine Entspannungspolitik mit dem umayyadischen al-Andalus.<ref name="ftn43">''Annales Regni Francorum'', ed. Pertz und Kurze (MGH SS rer. Germ. in us. schol. 6), a. 812, S. 137: “Pax cum Abulaz rege Sarracenorum facta.”</ref> Auch vor diesem Hintergrund ist zu erklären, dass ein religiöser Gegensatz zwischen Christen und Muslimen im ''Praeceptum ''keine Rolle spielt. Folglich ist davon auszugehen, dass die Betonung eines solchen religiösen Gegensatzes ab der Regierungsperiode Ludwigs des Frommen (regn. 814-840) mit Hinweis auf einen mittlerweile gewandelten politischen Hintergrund erklärt werden muss. Ein Jahr nach seinem Herrschaftsantritt kündigte Ludwig der Fromme schließlich den von seinem Vater geschlossenen Friedensvertrag mit al-Ḥakam I. auf und scheint den Plan verfolgt zu haben, die fränkisch-muslimische Grenzzone als Bollwerk gegen, vielleicht gar als Sprungbrett in das umayyadische al-Andalus auszubauen und zu sichern.<ref name="ftn44">Vgl. [[815: Eine Constitutio Ludwigs des Frommen zu angesiedelten Hispani im Frankenreich]]. Zu den umayyadisch-karolingischen Beziehungen und zum Bild des Islam in der Regierungszeit Ludwigs des Frommen siehe Sénac, ''Carolingiens et al-Andalus'', S. 87-98; Kedar, ''Crusade and Mission'', S. 7-8, 39.</ref>
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[§14] Karls Motivation, entsprechende Privilegien zu gewähren, müssen nicht unbedingt in dem Wunsch zu suchen sein, christlichen Religionsflüchtlingen aus al-Andalus eine sichere Zuflucht im Frankenreich zu bieten – zumal einige der Siedler möglicherweise gar keine Christen waren. Die im ''Praeceptum'' erwähnte Landbevölkerung (''pagenses''), die gegenüber den ''Hispani'' einen Besitzanspruch auf das von Letzteren kultivierte Land anmeldete, gibt vielleicht einen Einblick in Karls Motive. Dieser macht im ''Praeceptum'' schließlich sehr deutlich, dass es sich bei dem von den ''Hispani'' appropriierten Land um königliches Fiskalland handelt. Der König betrachtete also alles Brachland im Südwesten des Frankenreiches als sein eigen und wehrte alle Ansprüche lokaler Bewohner (''pagenses'') und Eliten (''comites, iuniores'') auf dieses Land ab. Aus königlicher Perspektive ging es hier nicht notwendigerweise um eine humanitär motivierte Aufnahme von Flüchtlingen, sondern um die Stärkung der Königsmacht durch Ansiedlung einer Gruppe, die sich aufgrund der ihr vom König gewährten Privilegien als loyal erweisen würde. In einer Region, die die Karolinger erst seit den Zeiten von Karls Großvater Karl Martell in das Frankenreich einzugliedern begannen, die Karl ab 781 durch das Unterkönigtum Ludwigs des Frommen stärker an das Reichszentrum anzubinden versucht hatte und die im Zuge des Vordringens auf die Iberische Halbinsel auch noch territorial erweitert wurde, war eine Stärkung der königstreuen Bevölkerung von großer Bedeutung.<ref name="ftn42">Chandler, Court, S. 27: „the maintenance of royal and imperial power, was at the heart of the ''aprisio'' grant.“</ref> Als Karl der Große am 2. April 812 das ''Praeceptum'' erließ, hatte er entweder gerade einen Friedensvertrag mit dem umayyadischen ''amīr'' al-Ḥakam I, auch bekannt unter dem Namen Abū l-ʿAṣi (''Abulaz''), geschlossen, oder war gerade dabei, dies zu tun. Er setzte also zu diesem Zeitpunkt auf eine Entspannungspolitik mit dem umayyadischen al-Andalus.<ref name="ftn43">''Annales Regni Francorum'', ed. Pertz und Kurze (MGH SS rer. Germ. in us. schol. 6), a. 812, S. 137: “Pax cum Abulaz rege Sarracenorum facta.”</ref> Auch vor diesem Hintergrund ist zu erklären, dass ein religiöser Gegensatz zwischen Christen und Muslimen im ''Praeceptum ''keine Rolle spielt. Folglich ist davon auszugehen, dass die Betonung eines solchen religiösen Gegensatzes ab der Regierungsperiode Ludwigs des Frommen (regn. 814-840) mit Hinweis auf einen mittlerweile gewandelten politischen Hintergrund erklärt werden muss. Ein Jahr nach seinem Herrschaftsantritt kündigte Ludwig der Fromme schließlich den von seinem Vater geschlossenen Friedensvertrag mit al-Ḥakam I. auf und scheint den Plan verfolgt zu haben, die fränkisch-muslimische Grenzzone als Bollwerk gegen, vielleicht gar als Sprungbrett in das umayyadische al-Andalus auszubauen und zu sichern.<ref name="ftn44">Vgl. [[815: Eine Constitutio Ludwigs des Frommen zu angesiedelten Hispani im Frankenreich]]. Zu den umayyadisch-karolingischen Beziehungen und zum Bild des Islam in der Regierungszeit Ludwigs des Frommen siehe Sénac, ''Carolingiens et al-Andalus'', S. 87-98; Kedar, ''Crusade and Mission'', S. 7-8, 39.</ref>
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Alles in allem erscheint es damit unpräzise zu glauben, dass mit Karls Eingreifen auf der Iberischen Halbinsel im Jahre 778 plötzlich eine durch einen christlich-muslimischen Religionsgegensatz verursachte christliche Immigrationswelle aus dem umayyadischen al-Andalus ins karolingische Herrschaftsgebiet losbrach, auch wenn der Wunsch, lieber unter christlicher als unter muslimischer Herrschaft zu leben, die eine oder andere Auswanderung motiviert haben mag. Deutlich wird in jedem Fall, dass in der fränkisch-umayyadischen Grenzzone seit den 720ern chaotische Verhältnisse herrschten.<ref name="ftn45">Vgl. [https://wiki.uni-konstanz.de/transmed-de/index.php/731:_Die_Chronica_muzarabica_zur_Ehe_des_Berbers_Munnuz_mit_der_Tochter_von_Eudo,_dux_von_Aquitanien 731: Die Chronica muzarabica zur Ehe des Berbers Munnuz mit der Tochter von Eudo, dux von Aquitanien].</ref> Diese waren von einem zunehmend dominanteren Eingreifen der Karolinger geprägt, die nach mehreren Jahrzehnten muslimischer Razzienaktivitäten in Aquitanien und Septimanien nun aktiv in das muslimische Herrschaftsgebiet jenseits der Pyrenäen vordrangen, dort zunächst auf die Kooperation mit muslimischen Dissidenten setzten und das über Jahrzehnte eroberte Gebiet als eine Art Pufferzone zu festigen suchten. In diesen Kontext ist die oben behandelte Migration von ''Hispani'' einzuordnen. Diese scheinen die in den 780ern von Karl dem Großen gebotene Möglichkeit, unter Königsschutz Brachland zu bebauen und nach dreißig Jahren zu ihrem Besitz zu machen, attraktiv gefunden zu haben. Da wir dieses Angebot nur aus einem dreißig Jahre später erlassenen ''Praeceptum'' rekonstruieren können<ref name="ftn46">Vgl. Depreux, Préceptes, S. 23-24, zu Spekulationen über den Inhalt dieses Angebotes und seiner möglichen Dokumentation. Chandler, Counts, S. 25, geht auf der Basis eines nicht als Rekonstruktion erkannten Textes von der Existenz eines ''aprisio-''Dokumentes aus dem Jahre 780 aus. Siehe hierzu Fußnote <span style="background-color:transparent;">35</span>.</ref>, lässt sich über die Motive Karls und der ''Hispani ''in den 780ern nur spekulieren. Dass der Wunsch, nicht unter muslimischer, sondern unter christlicher Herrschaft zu leben, ein migrationsförderndes Motiv gewesen sein mag, kann nicht ausgeschlossen werden. Klar ist aber auch, dass der König Migrationswilligen besondere Konditionen versprach, die vielleicht darauf abzielten, königstreue Siedler anzuwerben und so die Königsmacht in einer Peripherie königlicher Macht zu stärken. In jedem Falle waren die Lebensumstände im Nordosten der Iberischen Halbinsel aufgrund der Turbulenzen der letzten Jahrzehnte eher unsicher, so dass die mit einer ''aprisio'' verbundene Abwanderung in ruhigere Gebiete den Siedlern größere physische Sicherheit und eine gewisse Sicherung ihrer materiellen Zukunft versprach.|6=''Praeceptum pro Hispanis'' (2. April 812), ed. Alfred Boretius (MGH Capitularia 1), Hannover: Hahn, 1883, n. 76, S. 169.
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[§15] Alles in allem erscheint es damit unpräzise zu glauben, dass mit Karls Eingreifen auf der Iberischen Halbinsel im Jahre 778 plötzlich eine durch einen christlich-muslimischen Religionsgegensatz verursachte christliche Immigrationswelle aus dem umayyadischen al-Andalus ins karolingische Herrschaftsgebiet losbrach, auch wenn der Wunsch, lieber unter christlicher als unter muslimischer Herrschaft zu leben, die eine oder andere Auswanderung motiviert haben mag. Deutlich wird in jedem Fall, dass in der fränkisch-umayyadischen Grenzzone seit den 720ern chaotische Verhältnisse herrschten.<ref name="ftn45">Vgl. [https://wiki.uni-konstanz.de/transmed-de/index.php/731:_Die_Chronica_muzarabica_zur_Ehe_des_Berbers_Munnuz_mit_der_Tochter_von_Eudo,_dux_von_Aquitanien 731: Die Chronica muzarabica zur Ehe des Berbers Munnuz mit der Tochter von Eudo, dux von Aquitanien].</ref> Diese waren von einem zunehmend dominanteren Eingreifen der Karolinger geprägt, die nach mehreren Jahrzehnten muslimischer Razzienaktivitäten in Aquitanien und Septimanien nun aktiv in das muslimische Herrschaftsgebiet jenseits der Pyrenäen vordrangen, dort zunächst auf die Kooperation mit muslimischen Dissidenten setzten und das über Jahrzehnte eroberte Gebiet als eine Art Pufferzone zu festigen suchten. In diesen Kontext ist die oben behandelte Migration von ''Hispani'' einzuordnen. Diese scheinen die in den 780ern von Karl dem Großen gebotene Möglichkeit, unter Königsschutz Brachland zu bebauen und nach dreißig Jahren zu ihrem Besitz zu machen, attraktiv gefunden zu haben. Da wir dieses Angebot nur aus einem dreißig Jahre später erlassenen ''Praeceptum'' rekonstruieren können<ref name="ftn46">Vgl. Depreux, Préceptes, S. 23-24, zu Spekulationen über den Inhalt dieses Angebotes und seiner möglichen Dokumentation. Chandler, Counts, S. 25, geht auf der Basis eines nicht als Rekonstruktion erkannten Textes von der Existenz eines ''aprisio-''Dokumentes aus dem Jahre 780 aus. Siehe hierzu Fußnote <span style="background-color:transparent;">35</span>.</ref>, lässt sich über die Motive Karls und der ''Hispani ''in den 780ern nur spekulieren. Dass der Wunsch, nicht unter muslimischer, sondern unter christlicher Herrschaft zu leben, ein migrationsförderndes Motiv gewesen sein mag, kann nicht ausgeschlossen werden. Klar ist aber auch, dass der König Migrationswilligen besondere Konditionen versprach, die vielleicht darauf abzielten, königstreue Siedler anzuwerben und so die Königsmacht in einer Peripherie königlicher Macht zu stärken. In jedem Falle waren die Lebensumstände im Nordosten der Iberischen Halbinsel aufgrund der Turbulenzen der letzten Jahrzehnte eher unsicher, so dass die mit einer ''aprisio'' verbundene Abwanderung in ruhigere Gebiete den Siedlern größere physische Sicherheit und eine gewisse Sicherung ihrer materiellen Zukunft versprach.|6=''Praeceptum pro Hispanis'' (2. April 812), ed. Alfred Boretius (MGH Capitularia 1), Hannover: Hahn, 1883, n. 76, S. 169.
    
d’Abadal i de Vinyals, Ramón: ''Catalunya carolíngia: Els diplomes carolingis a Catalunya'', Bd. 2, Barcelona: Institut d’Estudis Catalans, 1952, S. 312-314.
 
d’Abadal i de Vinyals, Ramón: ''Catalunya carolíngia: Els diplomes carolingis a Catalunya'', Bd. 2, Barcelona: Institut d’Estudis Catalans, 1952, S. 312-314.
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