Höfische Lebenswelt (Gottfried von Straßburg, Tristan): Unterschied zwischen den Versionen
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Daraus wird ersichtlich, dass Tristan sich zu einem "höfischen" Ritter entwickeln wird, der nach den Maßstäben handeln wird, die Bumbke beschrieben hat. Er wird zu großen Ehren kommen und viel Ruhm erlangen, denn wie aus der Textstelle erkennbar ist, | Daraus wird ersichtlich, dass Tristan sich zu einem "höfischen" Ritter entwickeln wird, der nach den Maßstäben handeln wird, die Bumbke beschrieben hat. Er wird zu großen Ehren kommen und viel Ruhm erlangen, denn wie aus der Textstelle erkennbar ist, ist er würdig ein Schwert zu führen. | ||
==Literatur== | ==Literatur== |
Version vom 23. Januar 2011, 18:34 Uhr
Der Tristan - Roman ist eine Darstellung der höfischen Lebenswelt des Mittelalters.
Die Bedeutung von "höfisch"
Wenn von der mittelalterlichen Kultur die Rede ist, wird immer von einer höfischen Kultur und Lebenswelt gesprochen. Die ersten Belege für diesen Begriff gibt es seit dem 12.Jahrhundert aus der "Kaiserchronik", in der das Wort im Zusammenhang mit Damen gebrauht wird. "Höfisch" beschreibt also schon im Sprachgebrauch des Mittelalters eine adlige Gesellschaft, die auch im "Tristan" die Gesellschaft ist, die beschrieben ist. Auch heute wird der Begriff in diesem Sinn verwendet. (Bumbke, S.78)
"Höfisch" kann auch die Liebe eines Mannes zu einer ehrbaren Frau bedeuten, die ihn wiederum durch ihre Liebe tapferer und ehrbarer macht. In diesem Zusammenhang kommt das Wort hövescheit auf, das eben dieses Verhalten gegenüber Frauen beschreibt, die man respektvoll behandeln soll. (Bumbke, S.78)
Insgesamt gibt es mehrere Varianten, in denen der Begriff "höfisch" gebraucht werden kann: zum einen in Bezug auf die Literatur, wo der Begriff einfach nur auf eine Literatur hinweist, die bei Hofe spielt. Die Dichter waren Hfdichter und das Publikum war ebenfalls bei Hofe. Zum anderen in Bezug auf das Gesellschaftsideal, in dem der "höfische" Ritter im Mittelpunkt steht, der sich genau an die Regeln bei Hofe hält, sich angemessen kleidet und auch nur das Beste im Sinn hat, wonach er dann auch handelt. Dabei wird das Wort in einer ideologisierenden Weise gebraucht, wenn bedacht wird, dass "höfisch" als das Idealbild der Gesellschaft fungiert. (Bumbke, S.81)
Das höfische Idealbild
Die ganze Gesellschaft des Mittelalters richtet sich an den Vorbildern aus der Literatur aus, allerdings verweist Bumke darauf, dass eigentlich kein Mensch sich im Mittelalter wirklich so verhalten hat, wie es in den Erzählungen geschildert wird, vor allem nicht nach dem Ideal der Ritter von Artus´ Hof[1]. Dort steht der ritterliche Kampf und das Erlangen der höfischen Liebe im Vordergrund. Im Tristan werden auch auf diese Tugenden Wert gelegt, vor allem auf den Kampf, sieht man das doch daran, dass Tristan mit verschiedenen Gegnern kämpft, um seine Ehre und die seines Königreiches zu verteidigen. Beispiele dafür sind der Kampf mit Morold, den er gewinnt, oder auch gegen Morgan, bei dem auch Tristan siegt. Durch diese Siege wird gezeigt, wie vorzüglich Tristan kämpfen kann und wie gut sich auch seine Erziehung ausmacht. Tapferkeit ist eine der vielen Tugenden, die einen Ritter ausmachen, auch wenn es um sein Leben geht, oder vor allem, wenn es um sein Leben geht. Dem Tapferen gebührt große Ehre:
- „wes mohte ouch jener dô bȋten,
- dem ez umbe daz leben dô stuont?
- der tete reht als sȋ alle tuont,
- die ȗf rehte manheit
- alle ir sinne hânt geleit:“ (V.6842-6846)
Hierbei wird deutlich, dass sowohl Tristan als auch Morold vortrefflich beschrieben werden, denn die Stelle bezieht sich auf Morold. Somit lässt sich erkennen, dass das höfische Idealbild auch bei Gegnern erkannt wird.
Ein weiteres Idealbild ist das der Schönheit, das mit höfischer Vollkommenheit einhergeht, wie es auch die Beschreibung Ruals zeigt:
- „er was des lȋbes edelȋch,
- (…)
- er was an rehter hȇrschaft
- aller keiser genôz.
- (…)
- man sach in mit hȇrlȋchen siten
- von aller der hȇrschefte stân.“ (V.4034-4049)
Die gute Kleidung und eine edle Haltung sind hierbei immer Ausdruck von edler Gesinnung und edlem Verhalten. Auch hier ist dies wieder ein Zeichen von guter Erziehung, die der Grundstein für alles ist. Dabei kommt es darauf an, dass der Ritter selbst eine gute Erscheinung abgibt und als solcher schon durch seine Erscheinung wahrgenommen wird:
- „die dô wol kunden prȋsen
- beidiu man und ȋsen,
- die kâmen alle samet dar an,
- daz beidiu, ȋsen unde man,
- geworhten schoener bilde nie.“ (V.6687-6691)
Ein weiteres wichtiges Merkmal der höfischen Kultur ist die höfische Liebe, die eigentlich in jeder Form vorkommen kann. Somit kann auch die Liebe zwischen Tristan und Isolde als höfische Liebe abgesehen werden, wenn man der Definition von Gaston Paris folgt, der vier Merkmale aufstellt: 1. Die Ungesetzlichkeit, also Heimlichkeit, von der diese Liebe lebt. 2. Die Unterordnung des Mannes unter die Wünsche der Frau, die er liebt. 3. Die Bemühungen des Mannes besser und vollkommener zu sein, als andere Männer, was ihn für die Frau würdiger macht. 4. Höfische Liebe als eigene Kunst und als eigenes Spiel, das eigenen Regeln folgt. Aber Bumbke führt auch an, dass es in der Forschung eine große Debatte darüber gibt, was genau die höfische Liebe ist und wie sie definiert werden kann.[2] Die Liebe zwischen Tristan und Isolde kann allerdings nach den Kriterien von Paris als höfische Liebe bezeichnet werden, wenn man diese anlegt, da es eine Liebe ist, die im heimlichen stattfinden muss und der alles andere untergeordnet wird. Dabei kommen auch wieder Tristans Erziehung und sein ritterliches Verhalten zusammen, denn laut der Definition sind nur besonders edle Männer der Liebe der Frau würdig. Da Isolde von hoher Geburt und Schönheit ist, muss sich Tristan sich ihrer als besonders würdig erweisen können, um ihre Liebe zu rechtfertigen.
Höfische Elemente im "Tristan"
Auch der Tristan-Roman kann als ein Roman angesehen werden, in dem sich die höfische Lebenwelt wiederspiegelt, stehen doch zentrale Themen wie Liebe und Ritterlichkeit im Vordergrund, wenn man nach den Kriterien von Bumbke vorgeht. Bei Gottfried ist dabei auffällig, dass er Tristan immer wieder als einen vortrfflichen jungen Mann darstellt, der alle Eigenschaften und Voraussetzungen erfüllt, ein "höfischer" Ritter zu sein. Und nicht nur er erscheint als ein solcher, auch Rual li Fointenant wird als "höfischer" Ritter charakterisiert. So wird deutlich, dass Tristan seine Fähigkeiten schon von Kindheit an vor Augen gehabt hat:
- "nu begunde er in dô starke
- und sêre wol gevallen.
- (...)
- diu cleider stânt dem koufman
- wol unde lobelîchen an.
- ouch ist er selbe hêrlîch.
- wer weiz, ern sî vil tugende rîch.
- er gebâret diu gelîche wol,
- ob man der wârheit jehen sol.
- nu seht, wie hêrlîche er gât,
- wie schoene gebaerde er hât
- in edelem gewande,
- und niuwan an Tristande
- dâ kieset sîne tugende an.
- wie kunde ein werbender man
- sîn kint sô schône erzogen hân,
- ezn müeze ûz edelem herzen gân?" (V.4076-4094)
An dieser Textstelle lässt sich erkennen, dass für die Gesellschaft allgemein Rual als Vorbild Tristans fungiert und dieser mit gutem Beispiel vorangeht. So hat Tristan in seiner Kindheit schon immer einen Ritter, der ihm zeigt, was es heißt, "höfisch" zu sein. Dieses Attribut wird Rual dann auch von dem Hof verliehen und er erscheint in den Augen der anderen als ein solcher Ritter, wie es jeder sein will.
Höfische Erziehung
Im Mittelalter ist das Streben eines jungen Mannes darauf ausgerichtet, ein vortrefflicher Ritter zu werden, der viel Ruhm und Ehre gewinnt. Um ein vorbildlicher Ritter werden zu können, ist die Erziehung und Ausbildung Tristans ein wichtiger Bestandteil seines Lebens. Denn Rual li Foitenant legt großen Wert darauf, dass Tristan so gut wie möglich erzogen wird. Sein ganzes Leben ist von da ab davon bestimmt, zu lernen:
- „und iedoch do er ir began,
- do leite er sinen sin dar an
- und sinen vliz so sere,
- daz er der buoche mere
- gelernete in so kurzer zit
- danne ie kein kinte oder sit.“ (V.2087-2091)
Er erhält die Ausbildung in vielen verschiedenen Fremdsprachen, im Lesen, im Spielen von Saiteninstrumenten und außerdem vorzüglich zu reiten, mit Waffen umzugehen und zu jagen. Diese Fähigkeiten sind die Voraussetzung für sein Dasein als Ritter und seine Anerkennung bei Hof. Abgeschlossen ist diese Erziehung dann letztendlich mit der Schwertleite der jungen Ritter, bei der sie ihre Fähigkeiten unter Beweis stellen und in den Ritterstand erhoben werden, womit sie ein vollwertiger Ritter sind. Danach gilt das Streben nur der Vervollkommnung und Bewahrung der ritterlichen Tugenden, wie es auch schon bei Tristan in jungen Jahren der Fall ist:
- „al diu werlt diu troug in an
- vriundes ouge und holden muot,
- als man dem billȋche tuot
- des muot niwan ze tugende stât,
- der alle untugende unmaere hât.“ (V.2144-2148)
Tristan als "höfischer" Ritter
Was besonders auffällt ist, dass Gottfried Tristan in einer Weise darstellt, die ihn als vorbildlichen und "höfischen" Ritter charakterisiert und für den Leser in ein sehr gutes Licht rückt. Durch seine Beschreibungen erhält der Leser immer wieder den Eindruck, dass es sich bei Tristan um einen besonders tapferen und ehrenvollen Ritter handeln muss. Sein Leben erscheint als gut und edel und seine Vornehmheit kommt dabei zut Geltung. Schon durch die Schwertleite, die Tristan erhält, wird deutlich, dass er später ein vortrefflicher Ritter werden wird. Das geht aus seinem Auftreten hervor. Sowohl seine Kleidung als auch sein Benehmen entsprechen dem eines guten Ritters:
- swaz sô daz ros und ouch den man
- ze rittere geprüeven kan,
- der geziuc was aller sêre rîch
- und alsô rîch, daz iegelîch
- einem künege wol gezaeme,
- daz er swert dar inne naeme. (V.4583-4588)
Daraus wird ersichtlich, dass Tristan sich zu einem "höfischen" Ritter entwickeln wird, der nach den Maßstäben handeln wird, die Bumbke beschrieben hat. Er wird zu großen Ehren kommen und viel Ruhm erlangen, denn wie aus der Textstelle erkennbar ist, ist er würdig ein Schwert zu führen.
Literatur
- Bumke, Joachim: Höfische Kultur. Literatur und Gesellschaft im hohen Mittelalter, München, ⁸1997, S.381, S.504
- Zitierung aller Versangaben nach: Gottfried von Straßburg: Tristan. Nach dem Text von Friedrich Ranke neu herausgegeben, ins Neuhochdeutsche übersetzt, mit einem Stellenkommentar und einem Nachwort von Rüdiger Krohn. Bd. 1–3. Stuttgart 1980 (RUB 4471-4473).